Seltene Krebserkrankung: Schlüsselmerkmal erleichtert Diagnose und Therapie einer bestimmten Form des Nervenscheidentumors

(lifePR) ( Heidelberg, )
Nervenscheidentumoren sind nicht nur selten, sondern auch vielfältig und häufig schwer behandelbar. Mittels molekularer Analysen konnten Wissenschaftler und Ärzte nun eine Erbgutveränderung identifizieren, die sich dazu eignet, eine bestimmte Unterform der Nervenscheidentumoren zu bestimmen. Das betroffene Gen ist unter dem Namen ERBB2 oder HER2 bislang vor allem bei Brustkrebs bekannt. Für eine Patientin im NCT/DKTK MASTER-Programm eröffnete die Genveränderung eine neue Behandlungsoption.

Nervenscheidentumoren sind seltene, meist gutartige Tumoren. Sie entstehen aus Zellen, die die peripheren Nerven umhüllen. Bei den Betroffenen treten Gefühlsstörungen, Schmerzen und Schwäche bis hin zu Lähmungen auf. Häufigster gutartiger Nervenscheidentumor ist das Schwannom. Bei der Schwannomatose entwickeln die Patienten zahlreiche Tumoren entlang der peripheren Nerven. Weitere Formen sind Neurofibrome, Perineurinome und Nervenscheidenmyxome. Die Behandlung dieser Tumoren ist oft eine Herausforderung, da viele Unterformen wenig untersucht und verstanden sind. Auch fehlt es an etablierten medikamentösen Behandlungen.

In einigen Fällen leiden Patienten an einem sogenannten Hybridtumor, der sowohl Merkmale eines Neurofibroms als auch eines Schwannoms aufweist. Bei einer 30-jährigen Patientin haben Wissenschaftler und Ärzte das Erbgut eines solchen Hybridtumors molekular untersucht. Die Erbgut-Analyse erfolgte innerhalb der NCT/DKTK MASTER (Molecularly Aided Stratification for Tumor Eradication)-Studie. Das Programm unter Leitung der Geschäftsführenden Direktoren am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg und Dresden, Stefan Fröhling und Hanno Glimm, richtet sich vor allem an junge Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen und Patienten mit seltenen Tumoren (www.nct-heidelberg.de/master).

Die Forscher entdeckten im Erbgut des Tumorgewebes eine Veränderung eines Gens, das den Bauplan für den sogenannten ERRB2-Rezeptor liefert. ERRB2, auch bekannt unter dem Namen HER2, ist ein Oberflächeneiweiß, an den Wachstumsfaktoren binden und so die Zellteilung anregen. Der Rezeptor ist verstärkt auf Brustkrebszellen zu finden und wird bei dieser Erkrankung als Angriffspunkt für eine zielgerichtete Behandlung genutzt, unter anderem mit dem Tyrosinkinase-Hemmer Lapatinib. "Unsere Patientin erhielt aufgrund der identifizierten Mutation den Wirkstoff Lapatinib. Unter der Therapie wurde das Tumorwachstum gebremst, die Nervenschmerzen der Patientin konnten gelindert und die Erkrankung langfristig stabilisiert werden", berichtet Michael Ronellenfitsch, Erstautor der publizierten Ergebnisse und Leitender Oberarzt am Institut für Neuroonkologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

Um das Wissen aus dem positiven Fall auch für andere Patienten nutzbar zu machen, analysierten und beurteilten die Forscher in enger Zusammenarbeit mit Albrecht Stenzinger, Leiter des Molekularpathologischen Zentrums am Institut für Pathologie am Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD), bei 14 weiteren Patienten mit einem Hybridtumor das Tumorgewebe. Da die Erkrankung sehr selten ist, wurden Patienten aus den Zentren des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) Heidelberg, Tübingen und Frankfurt einbezogen. "Ausgehend von dem konkreten Indexfall, konnten wir über das NCT/DKTK-MASTER Netzwerk und die zielgerichtete Sequenzierung weitere Nervenscheidentumoren mit ERBB2-Mutationen identifizieren, die sich aus einer nicht-erblichen Schwannomatose entwickelt hatten", berichtet Albrecht Stenzinger.

"Mit diesem Konzept einer Zusammenarbeit über Disziplinen und Standorte hinweg, das aus meiner Sicht wegweisend ist, konnten wir zeigen, dass ERBB2-Mutationen in einer ganz bestimmten Untergruppe von Nervenscheidentumoren gehäuft auftreten", sagt Fröhling, der am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) die Abteilung für Translationale Medizinische Onkologie leitet. "Dieses Ergebnis eröffnet für einen Teil der Patienten mit der seltenen Erkrankung eine weitere Therapieoption. Darüber hinaus ist die Mutation ein wichtiges Kriterium, um die verschiedenen Formen von Nervenscheidentumoren diagnostizieren und unterscheiden zu können."

Originalpublikation
Michael W. Ronellenfitsch, Patrick N. Harter, Martina Kirchner, Christoph Heining, Barbara Hutter, Laura Gieldon, Jens Schittenhelm, Martin U. Schuhmann, Marcos Tatagiba, Gerhard Marquardt, Marlies Wagner, Volker Endris, Christian H. Brandts, Victor-Felix Mautner, Evelin Schröck, Wilko Weichert, Benedikt Brors, Andreas von Deimling, Michel Mittelbronn, Joachim P. Steinbach, David E. Reuss. Hanno Glimm, Albrecht Stenzinger, and Stefan Fröhling (2020) Targetable ERBB2 Mutations Identified in Neurofibroma/Schwannoma Hybrid Nerve Sheath Tumors. The Journal of Clinical Investigation, 10.1172/JCI130787

Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)
Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1.300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern, dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher behandelt werden können.
Beim Krebsinformationsdienst (KID) des DKFZ erhalten Betroffene, interessierte Bürger und Fachkreise individuelle Antworten auf alle Fragen zum Thema Krebs.
Gemeinsam mit Partnern aus den Universitätskliniken betreibt das DKFZ das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) an den Standorten Heidelberg und Dresden, in Heidelberg außerdem das Hopp-Kindertumorzentrum KiTZ. Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines Helmholtz-Zentrums an den NCT- und den DKTK-Standorten ist ein wichtiger Beitrag, um vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik zu übertragen und so die Chancen von Krebspatienten zu verbessern.
Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD)
Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der bedeutendsten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung innovativer Diagnostik und Therapien sowie ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 13.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und engagieren sich in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 klinischen Fachabteilungen mit fast 2.000 Betten werden jährlich rund 80.000 Patienten voll- und teilstationär und mehr als 1.000.000-mal Patienten ambulant behandelt. Gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum und der Deutschen Krebshilfe hat das Universitätsklinikum Heidelberg das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg etabliert, das führende onkologische Spitzenzentrum in Deutschland. Das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. Derzeit studieren ca. 3.700 angehende Ärztinnen und Ärzte in Heidelberg.

Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK)
Im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK) verbindet sich das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg als Kernzentrum langfristig mit onkologisch besonders ausgewiesenen Universitätskliniken in Deutschland. Am Kernzentrum DKFZ und den sieben Partnerstandorten Berlin, Dresden, Essen/Düsseldorf, Frankfurt/Mainz, Freiburg, München und Tübingen arbeiten insgesamt zwanzig Einrichtungen zusammen. Vorrangiges Ziel der im DKTK kooperierenden Wissenschaftler und Ärzte ist es, die Ergebnisse der Grundlagenforschung möglichst rasch in neue Ansätze zur Prävention, Diagnostik und Behandlung von Krebserkrankungen zu übertragen. Dazu werden an allen Partnerstandorten gemeinsame Translationszentren aufgebaut. Patienten sollen für innovative Studien gemeinsam rekrutiert, Daten einheitlich erfasst und Labormethoden harmonisiert und innerhalb des Konsortiums verfügbar werden. Dafür bietet das DKTK den Partnern eine gemeinsame Infrastruktur für die Forschung. Aufgabe des DKTK ist es weiterhin, junge Mediziner und Naturwissenschaftler in der Krebsmedizin und der translationalen Krebsforschung auszubilden. Das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der beteiligten Bundesländer, der Deutschen Krebshilfe und des Deutschen Krebsforschungszentrums. Es zählt zu den sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG).
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