Mittwoch, 20. September 2017


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NABU-Schutzprojekt für das Rebhuhn startet im Kreis Tübingen

Blühende Brachen, gepflegte Hecken und Stoppeläcker bringen Vielfalt in die Landschaft - zweijähriges Projekt in Kooperation mit Landwirtschaft sichert Nistplätze und Lebensraum

Stuttgart, (lifePR) - „Die heutige Agrarlandschaft ist leider allzu oft monoton und ausgeräumt. Das graubraune Rebhuhn und seine getupften Küken finden hier kaum noch Platz“, beklagt Johannes Enssle, Landesvorsitzender des NABU-Baden-Württemberg. Zur Rettung des Rebhuhns hat das NABU-Vogelschutzzentrum Mössingen gemeinsam mit der Initiative Artenvielfalt Neckartal (IAN) und dem Verein VIELFALT e. V. (PLENUM-Projekt & Landschaftserhaltungsverband) ein auf zwei Jahre angelegtes Rebhuhn-Schutzprojekt im Landkreis Tübingen auf die Beine gestellt.

„Über den Artenschwund nur zu klagen hilft nicht, wir müssen aktiv werden“, betont Landrat und VIELFALT-Vorsitzender Joachim Walter. „Mit dem Rebhuhn-Schutzprojekt packen wir das Problem im Landkreis Tübingen an und leisten hoffentlich einen Beitrag, die Bestände zu stabilisieren“, sagt Walter. Er dankte insbesondere auch denjenigen landwirtschaftlichen Betrieben, die mit ihrer Wirtschaftsweise dazu beigetragen haben, dass es hier überhaupt noch Restvorkommen gibt und die auch künftig bei den weiteren Bemühungen mitmachen.

Wie erfolgreicher Rebhuhn-Schutz konkret aussehen kann, darüber informierten sich NABU-Chef Enssle und Landrat Walter gemeinsam mit vielen Interessierten bei einem Feldspaziergang am Streimberg zwischen Rottenburg und Seebronn. Das neue Projekt wird von PLENUM Tübingen gefördert und soll das Überleben der verbliebenen Brutpaare sichern und dabei helfen, die Population wieder aufzubauen.

„Zum Überleben braucht der nur etwa 30 Zentimeter große Hühnervogel vielfältige Strukturen, insbesondere großflächige, lückige Blühbrachen im Sommer und Stoppeläcker im Winter. Die Blühbrachen bieten sichere Brutplätze und reichlich Nahrung für die Küken“, erläutert Projektleiterin Karin Kilchling-Hink vom NABU-Vogelschutzzentrum in Mössingen. Bis zum Winter können die Rebhühner in den Brachen Schutz und Nahrung finden. „Auch zahlreiche andere Vogelarten nutzen diese Flächen“, erklärt die Vogelschutzexpertin.

„Der Schlüssel zum Erfolg in diesem Projekt ist die Kooperation mit Landwirtinnen und Landwirten“, führt Kilchling-Hink aus. Sie verzichten für das Überleben des Rebhuhns auf die reguläre Ernte, bewirtschaften aber die Flächen als Blühbrachen gegen eine entsprechende Ausgleichszahlung. Projektziel ist es, auf möglichst großer Fläche abwechslungsreiche Blühbrachen im Landkreis Tübingen anzulegen. Das NABU-Vogelschutzzentrum stellt den beteiligten Landwirten das Saatgut für die mehrjährigen Blühbrachen kostenfrei zur Verfügung.

Bei einem kleinen Rundgang erläuterten die Landschaftsökologin Dr. Sabine Geißler-Strobel und Thorsten Teichert vom Landschaftserhaltungsverband den interessierten Gästen weitere wichtige Maßnahmen zur Förderung des Rebhuhns und anderer Vogelarten. So sollten etwa Hecken regelmäßig und fachgerecht gepflegt werden, denn nur niederwüchsige, strukturreiche Hecken eignen sich für die Vögel. Im Projekt wird daher ein Heckenpflegekonzept erarbeitet, das etwa Behörden und Kommunen als Arbeitshilfe nutzen können. Weiterhin berichteten die Experten, dass mit der Einsaat artenreicher Gründüngung in die Stoppeläcker direkt bei der Getreideernte den bedrohten Vögeln das Überleben in den Wintermonaten erleichtert werden kann. Dieses neue Verfahren wird auch von der Abteilung Landwirtschaft im Landratsamt Tübingen begrüßt, weil es gleichzeitig den Boden schützt und die Bodenfruchtbarkeit fördert.

Informationstafeln, Flyer und Pressearbeit informieren die Bevölkerung und die Landwirte über das Rebhuhn und seinen Schutz und werben für die umgesetzten Maßnahmen.

Der Rückgang der Rebhuhn-Bestände ist weder ein neues Problem noch auf Baden-Württemberg begrenzt. Wie viele andere Vogelarten war es noch vor wenigen Jahrzehnten ein alltäglicher Begleiter in unserer Feldflur, wurde aber als Folge des Strukturwandels in der Landwirtschaft und aufgrund weiterer Faktoren verdrängt. Vogelschützerinnen und Vogelschützer haben in einem langjährigen Monitoring die Zahl der Brutpaare erfasst. „Wir verzeichnen auch im Landkreis Tübingen einen Bestandsrückgang von etwa 95 Prozent“, sagt Projektleiterin Karin Kilchling-Hink.

Der Rettungsversuch für das Rebhuhn im Landkreis Tübingen wird in ganz Baden-Württemberg mit Interesse verfolgt. Die systematisch erfassten und ausgewerteten Daten sollen nach Ende der Projektzeit genutzt werden, um die Aktion auf möglichst viele Gebiete im Land auszuweiten. Es soll zudem in ein bundesweites Rebhuhn-Schutzprojekt eingebettet werden.

Am Tübinger Projekt ist eine Vielzahl an Akteurinnen und Akteuren beteiligt. Bei einem „Runden Tisch Rebhuhn“, zu dem VIELFALT e.V. Ende November 2016 eingeladen hatte, hatten Interessierte aus Jägerschaft, Landwirtschaft, Naturschutz sowie Kommunen und Behörden Erfahrungen zum Rebhuhn-Schutz zusammentragen und gemeinsam die Weichen für das jetzt gestartete, kreisweite Schutzprojekt gestellt.

Informationen für den Hintergrund:

Steckbrief Rebhuhn: Das Rebhuhn ist etwa 30 cm groß, wiegt 290 bis 470 Gramm und hat ein überwiegend braungraues Gefieder. Erwachsene Rebhühner tragen eine rostfarbene bis gelbe Kopfzeichnung und auf der Brust einen dunklen Fleck in Hufeisenform. Das Rebhuhn ist flink und fliegt meist niedrig über dem Boden, wobei es auch länger gleitet. Bei Gefahr drückt sich das Rebhuhn flach an den Boden. Rebhühner fressen überwiegend Samen von Wildkräutern und Getreidekörner.

Jungvögel brauchen anfangs viele Insekten und deren Larven wie Ameisen, kleine Käfer, Schmetterlingsraupen und Blattläuse. Das Weibchen baut sein Nest als Mulde am Boden, bevorzugt in guter Deckung, auf Brachen, an Feldrainen, Weg- und Grabenrändern, in Hecken und kleinen Gehölzen. Mitte April bis Juli legt das Rebhuhn etwa 15 Eier. Nach 23 bis 25 Tagen schlüpfen die Jungen, die mit 13 bis 14 Tagen fliegen können und mit etwa fünf Wochen selbstständig sind. Sie bleiben aber bis in den Winter hinein im Familienverband.

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