Unter Freunden. Japanische Teekeramik

Pressetermin: 27. Juni 2019, 11 Uhr | Eröffnung: 27. Juni 2019, 19 Uhr | 28. Juni 2019 bis 23. Februar 2020

(lifePR) ( Hamburg, )
Japanische Teekeramik hat für so genannte Teemenschen (chajin) einen Stellenwert, der weit über ihre bloße Verwendung hinausgeht. In der nach tradierten Regeln durchgeführten Teezeremonie (chanoyu, wörtlich „heißesWasser für Tee“) entwickeln sie zu einzelnen Gefäßen eine sehr persönliche Beziehung. Herausragende Stücke erhalten sogar von ihren Hersteller*innen, noch häufiger aber von ihren Besitzer*innen einen Namen. Für jede Teezeremonie stimmen die Gastgeber*innen die Gefäße und Utensilien genauestens auf den Anlass, die Jahreszeit und die erwarteten Gäste ab. Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) stellt in der Ausstellung Unter Freunden. Japanische Teekeramik über 150 herausragende Objekte rund um die Teezeremonie vor, darunter Teeschalen (chawan), Frischwassergefäße (mizusashi), Vasen (hanaire), Teebehälter vom 16. Jahrhundert bis heute sowie die wichtigsten japanischen Keramikzentren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den persönlichen Beziehungen, die sich um die einzigartigen Keramiken entfalten. Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Freundschaft des Gründungsdirektors Justus Brinckmann (1843–1915) zum Kunsthändler S. Bing (1838–1905), die entscheidend war für den Aufbau der Sammlung japanischer Teekeramik im MKG. Die Begeisterung für Teekeramik verbindet auch den Keramiker Jan Kollwitz (*1960) und den Schriftsteller und Keramiksammler Christoph Peters (*1966). Das MKG lädt die befreundeten Teemenschen ein, die Präsentation unter Einbeziehung von Werken von Jan Kollwitz und der Sammlung Christoph Peters mitzugestalten. Auch die Hamburger Gruppe der Urasenke-Teeschule, die seit über 40 Jahren im Teehaus Shōseian im MKG chanoyu praktiziert, stellt Keramiken für verschiedene Anlässe zusammen. Die individuellen Anordnungen für die Zubereitung des grasgrünen Pulvertees Matcha zeigen eindrucksvoll, wie die Objekte während einer Teezusammenkunft in einen stillen Dialog miteinander treten und Gespräche zwischen Gastgeber*innen und Gästen anregen. Eine kleine Auswahl historischer und moderner Einzelstücke bietet den Besucher*innen die Gelegenheit, die Oberfläche und Beschaffenheit japanischer Teeschalen mit den eigenen Händen zu erkunden. 

Die in Kyoto ansässige Teeschule Urasenke stiftete dem MKG 1978 das Teehaus Shōseian (Hütte der reinen Kiefer), in dem die Teezeremonie (chanoyu) wöchentlich praktiziert und monatlich vorgeführt wird. Das MKG lädt die im Teehaus aktive Gruppe der Urasenke-Teeschule sowie den chanoyu praktizierenden Christoph Peters ein, beispielhafte Sets für die Zubereitung von leichtem Tee (usucha) und dickem Tee (koicha) zusammenzustellen. Bei jeder Tee-zusammenkunft, ja selbst beim Einüben der bis ins Detail vorgegebenen Handlungsabläufe werden die Utensilien in Hinblick auf den Anlass und die Gäste aufeinander abgestimmt. Die ausgewählten Stücke sind greifbare Kommunika-tionsmedien zwischen Gastgeber*innen und Gästen. Als Höhepunkt einer Teezusammenkunft trinken alle Gäste den dicken Tee sogar aus derselben Schale, die von Hand zu Hand gereicht wird. Deutlich wird in diesen Sets, wie die einzelnen Objekte gemeinsam und letztlich bestimmt durch die beteiligten Personen und den Anlass ihre Wirkung entfalten. Dekorierte Stücke geben beispielsweise Hinweise auf die Jahres- und Tageszeit. Andere Objekte fordern ein geduldiges Einfühlen in das Schöne im Einfachen und bisweilen Unperfekten. Goldlackflickungen unterstreichen die Wertschätzung für die vom Alter gezeichneten handgefertigten Stücke. Bis heute gelten die von dem Teemeister Sen no Rikyū (1521–1591) aufgestellten Werte Harmonie (wa), Respekt (kei), Reinheit (sei) und innere Ruhe (jaku) als Maßstab für Teekeramik. 

Auch dem Keramiker Jan Kollwitz dienen diese Werte als Richtlinie für die Herstellung seiner Werke nach tradierten Vorbildern aus Shigaraki, Iga und anderen Keramikzentren. Seit über 30 Jahren brennt Kollwitz seine Arbeiten in einem japanischen Anagama-Holzbrennofen in dem Klosterdorf Cismar in Schleswig-Holstein. Gelernt hat er die dafür notwendigen Techniken in Echizen, einem der ältesten Keramikzentren Japans. Seine Arbeiten erhalten bis auf wenige glasierte Stücke erst während des vier Tage und Nächte dauernden Brandes natürliche Ascheanflugglasuren: Bei über 1250 Grad Celsius verschmilzt die umherwirbelnde Holzasche mit der Tonoberfläche, wobei Farbe und Glasur je nach Ton und Standort im Ofen variieren. Der Ofen in Cismar, 1988 erbaut von einem renommierten japanischen Ofenbaumeister, war wiederum Grundlage für Christoph Peters Roman Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln(2014). Der Schriftsteller ist leidenschaftlicher Sammler von Teekeramiken und mit Kollwitz befreundet. Gemeinsam mit Werken aus der MKG-Sammlung vermitteln Leihgaben von Christoph Peters einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Typen und Öfen japanischer Teekeramik. Die Ausstellung mit Objekten vom 16. Jahrhundert bis heute stellt historische Entwicklungen und die Herausbildung geltender Bewertungsmaßstäbe ebenso wie die wichtigsten Gerätschaften für die Zubereitung von Matcha vor. Hervorzuheben sind hier die Teeschalen (chawan) selbst, aber auch das Kaltwassergefäß (mizusashi), Vasen (hanaire) und die vielen verschiedenen Teller, Platten und Schalen, die für das Essen (kaiseki) im Rahmen einer Teezusammenkunft Verwendung finden. 

Gerade die Zusammenstellung der Keramiken aus der Sammlung Christoph Peters und dem MKG macht deutlich, dass die Sammlung des MKG sehr stark durch den Zeitgeschmack um 1900, speziell aber durch die Freundschaft von Justus Brinckmann mit dem Kunsthändler und Keramikliebhaber S. Bing geprägt ist. 1838 als Siegfried Bing in Hamburg geboren, ließ er sich 1876 als Samuel Bing in Frankreich einbürgern. Dort betrieb er ab 1878 eine Galerie für Ostasiatika. Seine 1895 eröffnete zweite Galerie Maison de l‘Art Nouveau markierte seine Hinwendung zum Jugendstil, dessen französischer Name sich von eben dieser Galerie ableitet. Die in dieser Zeit von Bing an Brinckmann verkauften rund 150 Stücke bilden den Grundstock der Sammlung an japanischer Teekeramik im MKG. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Keramikproduktion in Kyoto vom frühen 16. bis ins späte 19. Jahrhundert. Die mit Schmelzfarben auf der Glasur dekorierte Keramik aus der ehemaligen Hauptstadt Japans kam dem europäischen Geschmack um 1900 entgegen. Die Raku-Schalen, deren kräftige rote und schwarze Glasuren durch das Herausziehen der Gefäße aus dem ca. 900 Grad heißen Ofen entstehen, sind bis heute sehr beliebt. Keramiken in der Art des ebenfalls in Kyoto tätigen Ogata Kenzan (1663–1743) nehmen in der insgesamt über 700 Stücke umfassenden Sammlung japanischer Keramik im MKG einen besonderen Stellenwert ein. Charakteristisch für Brinckmanns frühe Erfassung und Vermittlung japanischer Kunst ist, dass er die zusammengetragenen Stücke umgehend in einer weltweit ersten Studie zu Ogata Kenzan publizierte (Kenzan. Beiträge zur Geschichte der japanischen Töpferkunst, 1897). Diese ließ sich der Sammler Charles Lang Freer (1854–1919) ins Englische übersetzen und entwickelte u.a. darauf aufbauend seine eigene Kenzan-Sammlung, die sich heute in der Freer Gallery, Smithsonian Institution, Washington, D.C., befindet. Die Ausstellung Unter Freunden. Japanische Teekeramik vermittelt diese Sammlungsgeschichte als Teil des von der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius finanzierten Projektes zur wissenschaftlichen Erschließung der Sammlung Ostasien. 

Rahmenprogramm: Die Ausstellung wird von Vorführungen der japanischen Teezeremonie, einem Gespräch mit Lesung von Christoph Peters und Jan Kollwitz am 29. September 2019, Kuratorinnenführungen und öffentlichen Führungen begleitet. 

Mit freundlicher Unterstützung der Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius 

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