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Pressemitteilung BoxID: 687263 (Europäische Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH)
  • Europäische Metropolregion Mitteldeutschland Management GmbH
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  • 04092 Leipzig
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Strukturwandel in Mitteldeutschland muss Menschen verbindliche Zukunftsperspektiven bieten

(lifePR) (Leipzig, ) Die Europäische Metropolregion Mitteldeutschland hielt am heutigen Donnerstag ihre Jahreskonferenz ab. Im Fokus stand der Strukturwandel im Mitteldeutschen Revier und die damit verbundene Perspektive für die soziale, kulturelle und räumliche Entwicklung der Region. Rund 200 Gäste aus der mitteldeutschen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur folgten der Einladung ins sachsen-anhaltische Braunsbedra und diskutierten zukunftsorientierte Ideen zu den Themen Innovation, Industriekultur und Landschaft.

„Der Braunkohletagebau hat die mitteldeutsche Region geprägt wie kaum eine andere in Deutschland. Er hat Arbeit gebracht für Tausende Familien. Er hat aber auch eine geschundene Landschaft hinterlassen, die wir seit Jahren unter großen Anstrengungen in Seen- und Naherholungsgebiete verwandeln. Wir haben also bereits eine gehörige Portion Erfahrung mit der Transformation ehemaliger Industrielandschaften – von der können wir profitieren“, erklärte Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig und Vorstandsvorsitzender der Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland e.V. in seinem Grußwort an die Konferenzteilnehmer. „Die Zukunft des Braunkohletagebaus ist endlich; wir wollen und müssen die anstehenden Veränderungen aber besser gestalten als dies in den 1990er Jahren vielerorts traurige Realität war. Unsere Aufgabe auch als Metropolregion Mitteldeutschland ist es, zusammen mit Bund und den mitteldeutschen Ländern einen sanften Industriewandel zu gestalten, damit die Region auch in 30 Jahren den Menschen eine Heimat bieten kann“, so Jung weiter.

Hartmut Handschak, stellvertretender Landrat des Saalekreis, verwies in seinem Grußwort auf konkrete Ergebnisse des Strukturwandels der letzten Jahre:  „Das Leipziger Neuseenland, der Goitzschesee im Landkreis Anhalt-Bitterfeld oder der Geiseltalsee im Saalekreis sind unter anderem Beispiele in der Metropolregion Mitteldeutschland, wie aus ehemaligen Braunkohletagebauen vollkommen neue Landschaften entstehen können, die wirtschaftliche, aber auch natur- und landschaftsrelevante Belange berücksichtigen, ohne jedoch die teils jahrhundertealte Tradition des Bergbaus zu verleugnen.“ Handschak machte in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass es Ressourcen für die weitere Gestaltung braucht: „Solch ein Strukturwandel kostet Ideen, Geld und jede Menge Lobbyarbeit. Von daher müssen wir als Akteure innerhalb der Metropolregion Mitteldeutschland eng zusammenarbeiten, wenn es um die Zukunft des mitteldeutschen Reviers geht und jetzt die Weichen stellen. Die Jahreskonferenz bietet dafür ein ideales Podium.“

In seinem Impulsvortrag legte Prof. Andreas Berkner, Leiter der Verbandsverwaltung beim Regionalen Planungsverband Leipzig-Westsachsen, die Entwicklung  des Mitteldeutschen Braunkohlereviers von 1989 bis heute dar. Er betonte, dass sich im Revier seit den 1990er Jahren ein massiver Strukturbruch vollzogen habe, der einerseits mit Verlusten an Beschäftigung und Wertschöpfung verbunden war und andererseits zu einer nahezu kompletten Erneuerung des hiesigen Kraftwerksparks führte. Berkner ging ebenso auf die bereits erreichten Erfolge in der Region ein: „Im Zuge eines der weltweit größten Rekultivierungsprojekte entstanden attraktive ‚Landschaften nach der Kohle‘, die sich längst zu neuen touristischen Destinationen entwickelt haben. Auch die Industriekultur mit Flaggschiffen wie FERROPOLIS, Pfännerhall, Bergbau-Technik-Park, Kohlebahn oder Herrmannschacht bildet neue Anziehungspunkte.“ Mit Blick auf ein mögliches Auslaufen der Braunkohleförderung sagte Berkner: „Damit steht die Frage, wie dieser Prozess so zu gestalten ist, dass Aspekte der Wirtschaftlichkeit, der Versorgungssicherheit und des Klimaschutzes bei sozialer Ausgewogenheit gleichermaßen gewährleistet werden können.“

Braunkohlenutzung mit erneuerbaren Energien verknüpfen

Eines der Kernthemen der Konferenz war die Auseinandersetzung mit neuen Strategien für Innovation und Wertschöpfung für die betroffenen Teilräume, die die Endlichkeit der Braunkohleförderung notwendig macht. Dabei wurde besprochen, wo sich vorhandene Strukturen für die Themen der Zukunft nutzen lassen und welche Rolle alternative Energien und die stoffliche Nutzung der Braunkohle spielen können.

Dr. Armin Eichholz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG) betonte, dass  der Strukturwandel kein Projekt sei, sondern ein andauernder Prozess. Er erklärte: „Wir sind bereit, diesen Prozess mitzugestalten. Seit 2016 sind wir unter dem Dach der Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland in der Projektgruppe „Innovationen im Revier“ tätig. Wir stehen in engem Kontakt mit der Politik und wir sind uns darin einig, dass MIBRAG mit der Braunkohleförderung als Ausgangspunkt für eine sichere und bezahlbare Stromversorgung und als Ausgangspunkt von stabilen Wertschöpfungsketten noch für Jahre eine tragende Rolle spielen muss. Auch durch die enormen Wertschöpfungseffekte beteiligen wir uns bereits heute daran, die Region strukturell zu unterstützen. Das tun wir im laufenden Betrieb, indem wir junge Leute aus der Region ausbilden, Arbeitsplätze bieten, Wertschöpfung betreiben. Jährlich sind es etwa 350 Millionen Euro, die in die Region fließen. Das sind Löhne und Gehälter unserer Mitarbeiter, Aufträge für hiesige Firmen und Investitionen. Darüber hinaus denken wir an die Zukunft der Braunkohlenutzung insbesondere in Richtung der stofflichen Nutzung. Dafür sind wir in Kooperation mit der Bergakademie TU Freiberg, der Hochschule Merseburg, ROMONTA und weiteren Partnern.“

Prof. Jörg Kirbs, Rektor der Hochschule Merseburg, erinnerte daran, dass Mitteldeutschland eine der traditionsreichsten Industrieregionen Deutschland sei, aus der eine Reihe an Impulsen kamen. „Diese Impulse haben den technologischen Fortschritt zum Beispiel in der chemischen Industrie wesentlich beeinflusst. Wir haben in Mitteldeutschland einen bedeutenden Rohstoff, die Braunkohle, die viel zu schade ist, um nur für die Energiegewinnung genutzt zu werden. Die Verknüpfung der stofflichen Nutzung der Braunkohle mit dem umfangreichen Know-how bei der Nutzung regenerativer Energien könnte ein wesentlicher Motor für den Strukturwandel in unserer Region werden“, so Kirbs.

Industriekultur als Schlüssel für die soziale Transformation

Im Panel „Industriekultur“ der Konferenz stand die Frage nach der regionalen Arbeits- und Lebenskultur in Mitteldeutschland im Jahr 2040 im Fokus. Dies wurde vor dem Hintergrund der voranschreitenden Urbanisierung und der demografischen Entwicklung diskutiert. Dabei umfasst Industriekultur nicht nur denkmalgeschützte Bauwerke, sondern die soziale Praxis der ganzen Region. Einig waren sich Redner und Teilnehmende darin, dass die Bevölkerung der Region die Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten müsse.

„Die Industrialisierung ist das Wurzelgeflecht des mitteldeutschen Wirtschaftsraums. Und nun, an einem entscheidenden Umbruchpunkt hin zur Industrie 4.0 ist es besonders wichtig, diese Industriegeschichte zu kennen, um die Zukunft gestalten zu können“, sagte Thies Schröder, Geschäftsführer der FERROPOLIS GmbH, und verwies auf die Projektgruppe Industriekultur unter dem Dach der Metropolregion Mitteldeutschland, die 2017 ins Leben gerufen wurde: „Die Projektgruppe Industriekultur arbeitet nicht allein an der Bewahrung der Zeitzeugnisse, sondern leistet mehr als Denkmalschutz: Es geht um die Gestaltung des Strukturwandels, und zwar in ganz Europa. Industriekultur ist daher ein Thema auch der sozialen Transformation", so Schröder.

„Die Beschäftigung mit Industriekultur baut Zukunftsängste ab, stiftet regionale Identität und stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, betonte auch Dr. Dirk Schaal, Koordinator für Sächsische Industriekultur bei der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Schaal sagte: „In der Vergangenheit eingeschlagene Entwicklungspfade können Standortvorteil und Ressource für Neues sein, unhinterfragt können sie aber auch zum Ballast und Standortnachteil werden. Die Auseinandersetzung mit mitteldeutscher Industriekultur gibt uns Orientierung bei heutigen Entscheidungen und Weichenstellungen für die Zukunft.“

Der Region ein neues Gesicht geben

Einen weiteren Themenbereich der Konferenz stellte die landschaftliche Folgenutzung in den ehemaligen mitteldeutschen Tagebaugebieten dar. Im Panel „Landschaft“ ging es Impulse für die Wertschöpfung in und mit der neuen Topografie. Steffen Schmitz, Bürgermeister der Stadt Braunsbedra, beschrieb die Erfahrungswerte rund um das frühere Braunkohleabbaugebiet Geiseltal. „Der Strukturwandel im Mitteldeutschen Revier gibt unserer Heimat ein neues Gesicht. Die schmutzige Bergbau- und Industrieregion verwandelt sich in eine attraktive Seenlandschaft mit einzelnen Industriebereichen, die aber ebenfalls ihren Charakter zur sauberen Industrie weiterentwickelt haben. Aber dieses schöne Bild ist noch lange nicht fertig. Erstens vollzieht sich dieser Wandel nicht gleichmäßig in der gesamten Region. Zweitens sind mit dieser Entwicklung auch tausende Menschen verbunden, die ihre Arbeit verloren haben oder denen dies bevor steht. Die Menschen müssen im Strukturwandel neue Perspektiven für sich finden. Diese müssen wir gemeinsam schaffen.“

Prof. Hartmut Rein, Geschäftsführer der BTE – Tourismus- und Regionalberatung Partnergesellschaft mbH, die das tourismuswirtschaftliche Gesamtkonzept für die Gewässerlandschaft um die Städte Halle (Saale) und Leipzig erarbeitet hat, verwies darauf, dass die Transformation der ostdeutschen Energielandschaften mit dem Leipziger Neuseenland und dem Lausitzer Seenland in Erholungs- bzw. Tourismuslandschaften in dieser Dimension weltweit Vorreiterfunktion hat. „Sowohl die landschaftlichen Qualitäten als auch die touristische Wahrnehmung der mitteldeutschen Gewässerlandschaft gilt es weiter zu verbessern. Bei der Entwicklung der Region darf auch die Baukultur darf nicht vergessen werden, denn Land und Wasser gehören zusammen. Seen- und Stadtlandschaften müssen miteinander erlebt und vernetzt werden. Dazu sind nachhaltige intermodale Mobilitätskonzepte essentiell. Nutzen wir die mitteldeutsche Seenlandschaft als Experimentierfelder für neue Stadt-Land- Mobilitäts-, Kultur- und Ernährungskonzepte“, forderte Rein.

Bundesweit ist Mitteldeutschland führend beim Umbau der Braunkohlefolgelandschaften. Seit den 1990er Jahren fand im Mitteldeutschen Revier ein Landschaftsumbau mit tourismuswirtschaftlicher Prägung mit dem Ziel einer möglichst hohen Wertschöpfung statt. Um auf Bundesebene auf die Bedeutung eines nachhaltigen Strukturwandels in den ehemaligen Braunkohlerevieren aufmerksam zu machen, sind Ende letzter Woche drei deutsche Landkreise als Hauptbetroffenen eines möglichen Braunkohleausstiegs mit einem gemeinsamen Brief an die Bundesregierung herangetreten. In ihrem Schreiben forderten die Landräte des Burgenlandkreises (Mitteldeutsches Revier), des Rhein-Erft-Kreises (Rheinisches Revier) und des Landkreis Spree-Neiße (Lausitzer Revier) Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Einberufung eines Braunkohle-Gipfels auf. Der Brief kann hier abgerufen werden.

Die Jahreskonferenz ist eine Veranstaltung der Europäischen Metropolregion Mitteldeutschland. In ihr engagieren sich strukturbestimmende Unternehmen, Städte und Landkreise, Kammern und Verbände sowie Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit dem gemeinsamen Ziel einer nachhaltigen Entwicklung und Vermarktung der traditionsreichen Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturregion Mitteldeutschland.

Weitere Informationen: www.mitteldeutschland.com