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Pressemitteilung BoxID: 368884 (Landesbetrieb Hessisches Landeslabor)
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Landeslabor: Privat-Gutachten im Fall Woolrec fehlerhaft

Angeblich hohe Schadstoffbelastung von Proben aus Tiefenbach basieren auf falschen Annahmen

(lifePR) (Gießen, ) Das von der Gemeinde Tiefenbach beauftragte private Ingenieurbüro für Umweltschutztechnik (IFU) leitet seine Aussagen zur Gefährlichkeit der Gras- und Lebensmittelproben über Berechnungen ab, die Fehler enthalten, so das Hessische Landeslabor in einer heute veröffentlichten Stellungnahme zu den Berechnungen des Ingenieurs Peter Gebhardt.

"Die von IFU getroffenen Schlussfolgerungen hinsichtlich einer Warnung vor Verzehr oder Verfütterung sind falsch abgeleitet und tragen auf diese Weise zu einer unnötigen Verunsicherung der Tiefenbacher Bevölkerung bei", sagte heute der Direktor des Hessischen Landeslabors, Prof. Dr. Hubertus Brunn in Gießen. "Beispielsweise hängen die Schadstoffwerte bei Grasproben vom Wassergehalt der Proben ab. In der Stellungnahme hat der Gutachter aber ungeprüft Durchschnittswerte angenommen, die im konkreten Fall nicht korrekt sind. "Das musste zwangsläufig zur Berechnung von überhöhten Schadstoff-Gehalten für Gras und damit zu einer falschen gutachterlichen Bewertung führen", sagte Brunn.

Darüber hinaus gäbe es noch eine Reihe weiterer Fehler in dem IFU-Gutachten, die nach Expertenmeinung des Labors zu verzerrten Ergebnissen führten. Beispiele sind die von IFU nicht berücksichtigten, erdigen Verunreinigungen, auf die das Landeslabor in seinem Bericht an das RP Gießen deutlich hingewiesen hatte. Auch gelten der in der IFU-Stellungnahme genannte Grenzwert für Blei von 10 mg/kg nur für Futtermittelausgangserzeugnisse wie Getreide, hingegen nicht für Grünfutter wie Heu, Silage und Gras. Hier gilt vielmehr ein offizieller Grenzwert von 30 mg/kg, so dass anders als im Gutachten behauptet, eine deutliche Grenzwertunterschreitung festzustellen sei. "Ferner sind", so Brunn weiter, "Abbildungen des Gutachtens teilweise sowohl falsch als auch unvollständig und damit in ihrer Aussage irreführend".

Die vom Landeslabor getroffene Bewertung der Dioxin- und PCB-Werte wurde von IFU als verharmlosend dargestellt, denn in Wirklichkeit sei die festgestellte Belastung deutlich höher als die in einer Studie des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) festgestellte Belastung von Obst- und Gemüse in Deutschland. "Die Werte des LHL und die der BVL-Studie lassen sich aber nur dann vergleichen, wenn auch gleiche oder zumindest ähnliche analytische Bestimmungsgrenzen vorliegen. Dies ist hier nicht der Fall", stellt Brunn fest. Für die Statuserhebung des BVL wurden überdies lediglich 10 unterschiedliche Lebensmittel mit jeweils nur 10 Proben untersucht. Dies bedeutet selbst nach Aussage des BVL, dass die Statuserhebung nicht repräsentativ für die bundesweite Belastungssituation ist. Demzufolge könne sie auch nicht für die Vergleiche, die IFU anstellt, herangezogen werden.

In der Bewertung der gesundheitlichen Auswirkungen der gemessenen Belastungen kommt das Landeslabor zu gänzlich anderen Schlussfolgerungen als IFU. Brunn: "Das IFU-Gutachten betrachtet die Aufnahme von Dioxinen und dl-PCB ausschließlich vor dem Hintergrund der tolerierbaren wöchentlichen Aufnahme die sich aus Tierversuchen ableitet. Da sich die Ausscheidungsraten zwischen Tier und Mensch für Dioxine aber deutlich unterscheiden stellt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest' dass bei Stoffen wie Dioxinen und PCB nicht die täglich bzw. wöchentlich zugeführte Dosis, sondern die im Körper befindliche Gesamtmenge, also die Körperlast, entscheidend für Auswirkungen auf die Gesundheit sei", so Brunn. "Diese Gesamtmenge beträgt bei einem jungen Erwachsenen gegenwärtig 10 Pikogramm pro Gramm (pg/g) Körperfett, während sie vor 20 Jahren noch bei ca. 30 pg/g Körperfett lag, also dreimal so hoch war wie heute".

Berechnungen des Landeslabors den in Äpfeln und Tomaten aus Tiefenbach gefundenen Dioxin- und dl-PCB-Gehalten führen zu den Ergebnissen, dass die Körperlast eines jungen Erwachsenen sich geringfügig von 10,0 auf 10,8 Pikogramm (ein Billionstel Gramm) pro Gramm Körperfett erhöhen würde, wenn über ein gesamtes Jahr täglich 250 Gramm dieser Äpfel und 100 Gramm dieser Tomaten verzehrt würden. Für ein Kind (25 kg) würde sich die Körperlast dementsprechend um insgesamt 1,9 pg/g Körperfett erhöhen.

Das BfR habe am Beispiel vom täglichen Verzehr von zwei Eiern über ein Jahr, deren Dioxingehalt um das 4-fache über dem EU-Höchstwert liegt, ermittelt, dass sich die Körperlast eines jungen Erwachsenen von 10,0 pg/g Körperfett auf 14,1 pg/g Körperfett erhöht. Das BfR komme zu dem Schluss, dass bei diesen Konzentrationen mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen sei, dass sie mit keinen gesundheitlichen Risiken verbunden wären. Folgt man dieser Argumentation des BfR, so lasse sich auch aus den Berechnungen für die untersuchten Äpfel und Tomaten aus Tiefenbach kein gesundheitliches Risiko ableiten.

"Wir haben keine Zweifel an unseren Messungen und Erkenntnissen. Weil uns aber das Vertrauen der Menschen wichtig ist, werden wir unsere Gutachten dem Bundesinstitut für Risikobewertung vorlegen, um von dort eine zusätzliche fachliche Beurteilung zu erlangen", so Brunn abschließend.