Kandinskys "Abstieg"

(lifePR) ( Berlin, )
Im Zuge der nationalsozialistischen Aktion „entartete Kunst" aus dem Kunstmuseum Moritzburg konfisziertund in der gleichnamigen Femeausstellung in München 1937 angeprangert, findet Wassily Kandinskys Aquarell „Abstieg" von 1925 nach 80 Jahren zurück in dasMuseum in Halle an der Saale. Die Kulturstiftung der Länder unterstützte denRückerwerb.

Als Alois Schardt das Amt des Direktors am Kunstmuseum MoritzburgHalle (Saale)1926 übernahm, hatte ihm sein Vorgänger Max Sauerlandteine beachtlicheSammlung rund um die deutschenExpressionisten–insbesondere die „Brücke"-Künstler –hinterlassen. In der Tradition dieser fortschrittlichenSammlungspolitik entwickelteder neue Direktordas Museumsprofil weiter, ergänzte es um exquisite Werkgruppen des „Blauen Reiters" und des Bauhauses.Wer damals herausragende zeitgenössische Kunst suchte, fand sie nicht nur in Essenund Berlin, sondern auch an der Saale. Neben Künstlern wie Franz Marc, Lyonel Feininger und Paul Kleewollte Schardt auch Wassily Kandinsky(1866–1944)in seiner Sammlung vertreten wissen: DieKunstdes russischen Konstruktivistenwar damalsbereits begehrtund hoch gehandelt,dennoch gelang esdem findigen Museumsdirektorzwischen 1927 und 1929 insgesamt acht Papierarbeiten Kandinskys für Halle zu erwerben. Unter ihnenauch das Aquarell „Abstieg", das Schardt 1929in der Galerie Neue Kunst Fides in Dresden kaufte.

Nach einem Kunststudium in München firmierte der in Moskau geborene Kandinsky als Protagonist diverser Künstlergruppierungen, darunter die mit Gabriele Münterbegründete Gruppe „Phalanx" und der „Blaue Reiter" mit Franz Marc. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs emigrierte Kandinsky zurück in seine russische Heimat, wo er Inspiration bei den dortigen Konstruktivisten fand. Waren seine Werke zuvor von expressiver Abstraktion geprägt, bediente sich der Künstler spätestens ab den 1920er-Jahren reduzierter Farben und klarer geometrischer Formen. Die Komposition „Abstieg" malte Kandinsky 1925 schließlich unter dem Eindruck der Bauhaus-Formlehren, die erselbstzu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren als Meisterder Werkstatt für Wandmalerei im Weimarer Bauhaus unterrichtete. Das Aquarellzeugt vom engen künstlerischen Austausch mit seinem Kollegen Paul Klee: Ein asymmetrischer Pfeil durchbricht die 48 x 32 cmgroße, in sieben horizontale FarbebenenunterteilteArbeit. Von oben bis kurz unter die Bildmitte ragt dasspitzzulaufende Dreieck, das die einzelnen Abschnitte nicht nur formal durchkreuzt, sondern zugleich –wie Licht, das durch ein Prisma fällt –die Farbendes Hintergrunds bricht und sie changieren lässt.Insbesondere die waagerechten Farbabstufungen und derPfeil sind eindeutlicherBezug auf ArbeitenPaul Klees, mit demKandinsky zu jener Zeit den Bauhaus-Vorkurs lehrte.Mit deraus dem Zentrum versetztenschwarzenPfeilspitze, gehalten von zwei farblich hervorstechendenSenkrechten, verlieh Kandinsky derKomposition dasvertrautedynamische Momentseiner Werke.

Als Teil von Alois Schardts wertvoller, sorgfältig erweiterterKollektionwurde das Werk bereits 1933 in die oberen Etagendes Museums verbannt: In der „Schreckenskammer" diffamierten die Nationalsozialistendie zeitgenössische Avantgarde als „Verfallskunst".Ihrjähes Ende fand die hallesche Sammlungschließlich im Sommer 1937, alsdie Nationalsozialisten bei der Aktion „entartete Kunst" schonungslos fast dengesamtenBestand beschlagnahmten und etlicheArbeitenkurz darauf in der Femeausstellung in München zeigten. Bis aufsein frühesAquarell „Konzentriertes" von 1916,das in einem Wandschrank inder Moritzburg überdauerte,fiel auch die Kandinsky-Werkgruppe samt „Abstieg" den Nationalsozialisten in die Hände. 1940 von Hildebrand Gurlitt angekauft, wechselte die Komposition von 1925über die Jahre immer wieder den Besitzer, gelangteaus deutschem Privatbesitz in die USA und schließlich, in den 1980er-Jahren,in eine japanische Privatsammlung. 2016 wurden dieVerkaufsabsichtendes Besitzersbekannt und so gelang nach acht Jahrzehnten der Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt mit Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, der Ernst von Siemens Kunststiftung,der Saalesparkasse und des Landes Sachsen-Anhaltder Rückerwerb von Kandinskys „Abstieg" für das Kunstmuseum MoritzburgHalle (Saale). Die Rückkehr des beschlagnahmten Werks gleicht einen der zahlreichen Sammlungsverluste von 1937 aus und verdeutlicht zugleich die stilistische Entwicklung Kandinskys am Bauhaus –insbesondere im Zusammenklang mitdem frühen Aquarell „Konzentriertes".
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