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Pressemitteilung BoxID: 688086 (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH))
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Arbeitsleistung: Osten und Westen gleichauf

(lifePR) (Halle (Saale), ) 75% der erwerbsfähigen Personen in Ostdeutschland hatten 2016 dort auch einen Arbeitsplatz. In Westdeutschland waren es 81% – also sechs Prozentpunkte mehr. Hans-Ulrich Brautzsch vom Leibniz-Institut für Wirt­schaftsforschung Halle (IWH) zeigt aber jetzt: Wenn Pendlerströme und Arbeitszeiten eingerechnet werden, liegen Osten und Westen bei der Arbeitsleistung gleichauf – und das Gefälle entsteht erstaunlicher­weise zwischen Nord- und Süddeutschland.

Wenn von der Beschäftigungslage in Ostdeutschland die Rede ist, fallen zumeist keine euphorischen Töne. Der Osten bleibe weiter hinter dem Westen zurück, so das allgemeine Credo. Eine neue IWH-Untersuchung bringt diesen scheinbar unumstößlichen Befund jetzt ins Wanken: Zwar kamen in Ostdeutschland 2016 nur 751 Erwerbstätige auf 1 000 Erwerbsfähige – was 93% des westdeutschen Wertes entspricht. Doch wird die Beschäftigungslage um Pendlerströme und Arbeitszeit bereinigt, wandelt sich das Bild schnell: Deutlich mehr Ostdeutsche pendeln zur Arbeit nach Westdeutschland als umgekehrt. So übersteigt die Zahl der Auspendler aus Ostdeutschland im Jahr 2016 die Zahl der Einpendler um 210 000 Personen. Wird der Pendlerüberschuss in die Berechnung mit einbezogen, so kommen 771 Erwerbstätige mit Wohnsitz in Ostdeutschland auf 1 000 Erwerbsfähige. Diese Arbeitsplatzdichte entspricht damit 96% des westdeutschen Wertes. Hans-Ulrich Brautzsch berücksichtigte darüber hinaus noch die durchschnittliche Jahres­arbeitszeit. „Diese lag 2016 in Ostdeutschland um 4,8% höher als im Westen“, so der Ökonom. „Wenn wir dann auch noch das Arbeitsvolumen der Pendler einbeziehen, ist die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden pro Erwerbsfähigem in Ostdeutschland genauso hoch wie in Westdeutschland.“

Unter diesem – rein rechnerischen – Blickwinkel ist die Beschäftigungslage der ostdeutschen Bevölkerung identisch mit der westdeutschen. Allerdings erlauben diese Berechnungen keine Aussage darüber, ob die Beschäftigungslage auch unter qualitativen Gesichtspunkten (Verdienst, Arbeitsbedingungen) gleichwertig ist.

Außerdem bestehen hier auch große regionale Unterschiede: Während das Arbeits­volumen je 1 000 Erwerbsfähige in Eisenach beispielsweise 147,8% des gesamtdeut­schen Wertes erreicht, sind es im Landkreis Märkisch-Oderland nur 70,8%. Aber auch in Westdeutschland weichen die Werte auf Kreisebene stark voneinander ab. Hier reicht die Spannbreite beispielsweise von 254,1% in Schweinfurt bis 46,4% im Landkreis Südwestpfalz. „Wenn wir uns die Daten deutschlandweit ansehen, dann zeigt sich schon Erstaunliches“, so Brautzsch. „Denn ein Gefälle finden wir eher zwi­schen Nord- und Süddeutschland statt wie zu erwarten zwischen Ost und West.“

Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sind weiterhin allgegenwärtig. Quantitativ zeigen sie sich auch noch heute beim Vergleich der Arbeitsverdienste oder der Qualität der Arbeitsplätze. „Ein genauerer Blick auf die Daten verrät aber auch, dass wir nicht pauschal vom Ost-West-Unterschied sprechen dürfen. Das ginge weit an der Realität vorbei,“ so der Ökonom.

Hintergrundinformation:

Die Zahl der Erwerbsfähigen entspricht der Wohnbevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren. Sie setzen sich zusammen aus den Erwerbstätigen, Arbeitslosen und sonstigen Unterbeschäftigten sowie der so genannten stillen Reserve (z. B. Perso­nen, die sich wegen Ausbildung oder Kinderbetreuung nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, sowie den sonstigen Nichterwerbstätigen).

Die Arbeitsplatzdichte ist das Verhältnis von Arbeitsplätzen zur 15- bis 64-jährigen Wohnbevölkerung in einer Region.

Veröffentlichung:
Hans-Ulrich Brautzsch: Pendlerströme führen zur regionalen Angleichung bei Beschäftigung, in: IWH, Wirtschaft im Wandel, Jg. 23 (4), 2017, 69-74.

Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Die Aufgaben des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sind die wirtschaftswissenschaftliche Forschung und wirtschaftspolitische Beratung auf wissenschaftlicher Basis. Das IWH betreibt evidenzbasierte Forschung durch eine enge Verknüpfung theoretischer und empirischer Methoden. Dabei stehen wirtschaftliche Aufholprozesse und die Rolle des Finanzsystems bei der (Re-)Allokation der Produktionsfaktoren sowie für die Förderung von Produktivität und Innovationen im Mittelpunkt. Das Institut ist unter anderem Mitglied der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, die halbjährlich Gutachten zur Lage der Wirtschaft in der Welt und in Deutschland für die Bundesregierung erstellt.

Das IWH ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 91 selbstständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Weitere Informationen unter www.leibniz-gemeinschaft.de.