Donnerstag, 24. Mai 2018


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Biosphärenreservat Mittelelbe - Weltkultur an wilden Ufern

Magdeburg, (lifePR) - An den wilden Ufern der mittleren Elbe in Sachsen-Anhalt stehen UNESCO-geschützte Auwälder im ältesten Biosphärenreservat Deutschlands - einer geheimnisvollen Flusslandschaft aus wandernden Binnendünen, steilen Hochufern, ausgedehnten Wiesenlandschaften, Mooren und Tausenden stillen Seen und Tümpeln mit schillernder Artenvielfalt. Die kleine Region um die UNESCO-Welterbestätten von Luther in Wittenberg, des Bauhauses in Dessau-Roßlau und des Gartenreiches Dessau-Wörlitz ist geprägt von Weltkultur und eingerahmt von Weltnatur. Wer hier wandert, radelt, paddelt oder pirscht, findet eine perfekte Verbindung von Kultur- und Aktivtourismus.

Müde kuscheln sich zwei wenige Wochen alte Biber in der Wohnhöhle unter der Wasseroberfläche wieder zwischen ihre Eltern. Einer lugt noch schläfrig unter dem Pelzwirrwarr hervor. War das da etwa eine Bewegung im Dunkeln? Nur eine Glasscheibe trennt ihre dick mit Holzspänen gepolsterte Behausung aus Ästen und Zweigen und den nachtschwarzen Beobachtungsraum, von dem aus die Besucher des Biosphärenreservats Mittelelbe direkt ins Biberschlafzimmer schauen können. "Biber so zu beobachten ist sonst nirgends an der Elbe möglich", sagt Ingo Fritzsche (49), Tourismusbeauftragter des Reservats, sichtlich stolz. "Wir stören die Tiere nicht und können tagsüber den Touristen alles Faszinierende über die scheuen Nager erklären und auch gleich zeigen".

Ab der Dämmerung schwimmen die rund 1,20 Meter langen nachtaktiven Tiere in ihrer zwei Hektar großen Freianlage herum, futtern Wasser- und Uferpflanzen und basteln gemütlich an ihren Ministaudämmen. Die spitz zulaufenden, abgenagten Baumstümpfe am restlichen Wasserlauf des Kapengrabens verraten, dass außerhalb der Biberfreianlage auch ihre wilden Verwandten nächtens auf Pirsch gehen. Regelmäßig, sommers wie winters, nehmen die Ranger des Biosphärenreservats Touristen mit auf Biberwanderung. Ingo Fritzsche muss grinsen, als zwei Besucher fragen, ob die Gehege-Biber denn nicht auch lieber wild leben würden. "Irgendein Irrer hat mal das Tor der Freianlage aufgebrochen, wohl im Glauben, wo was verschlossen ist, muss es Reichtümer geben. Gefunden hat er keine und die Biber waren auch weg. Zwei Tage später saßen sie aber wieder vor dem Maschendrahtzaun und wollten zurück."

Rund 7.500 Exemplare der Ende des 19. Jahrhunderts fast ausgerotteten Tierart leben heute wieder an der Elbe; im sachsen-anhaltischen Flussabschnitt, der zum Biosphärenreservat gehört, sind es etwa 1.200. Nur zwei Prozent der Flussläufe West- und Mitteleuropas waren Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht durch Menschenhand verändert worden, und die wilde alte Welt, die das zweitgrößte Nagetier der Erde und seine Vorfahren schon seit Millionen von Jahren bewohnten, existierte nur noch in Relikten. In den Elbtalauen, einer der letzten weitgehend noch intakten Flusslandschaften Mitteleuropas, hatten rund 200 Exemplare überlebt. Urtümliche Auwälder, die während der Kriege nie erschlossen wurden und heute den größten noch erhaltenen zusammenhängenden Auwald Europas bilden, boten ihnen Schutz. Im ältesten Teil des stetig gewachsenen Biosphärenreservats, dem Steckby-Lödderitzer Forst, waren immer schon die verräterisch benagten Baumstümpfe zu finden. Heute sind diese Landschaften an der Elbe längst ein Geheimtipp für Naturinteressierte und Aktivtouristen. Auf dem Fluss lässt es sich wunderbar paddeln, der flussbegleitende Elberadweg zählt zu den beliebtesten Strecken der Deutschen. Wanderer können zwischen Pilgerwegen auf Luthers Spuren und geheimnisvollen Auenpfaden wählen - ausgeschilderten Wanderwegen von bis zu zwölf Kilometern Länge, die typische Abschnitte der Natur- und Kulturlandschaft am großen Strom zeigen.

Denn während Rhone, Rhein oder Donau heute längst begradigt und großflächig zu Schifffahrtsstraßen ausgebaut sind, hat die Elbe in Sachsen-Anhalt bis heute Platz für ihre exzentrischen Ausschweifungen in weiten Überflutungsgebieten. Allein schon die leeren Staatskassen der DDR sorgten für satte 50 Jahre Baustopp an dem noch dazu streng bewachten damaligen Grenzfluss zwischen beiden deutschen Staaten. Heute stehen die gesamten 303 Flusskilometer in Sachsen-Anhalt samt Uferzonen, Orten und Städten unter dem Schutz der UNESCO. Schon die Bewegungsfreiheit der Elbe reichte aus, um die natürlich gewachsene und jahreszeitlich überflutete Auenlandschaft zu erhalten, mit vielen seltenen und streng geschützten Pflanzen und Tieren. Wer die Wald- und Wiesenlandschaften aus den Märchenbüchern seiner Kindheit immer schon einmal erblicken wollte, hier sind sie zu finden!

Das Verzeichnis der Tier- und Pflanzenarten, die in ihnen leben, liest sich wie das "Who is Who" der Roten Liste in Deutschland. Wer auf den vielen Exkursionen der Naturwacht durch die mal märchenhaft stillen, mal einem amphibischen Dschungel gleich lärmenden Urwälder der Auen streift, taucht ein in eine Welt aus schrulligen Überlebenskünstlern, filigranen Schönheiten und majestätischen Riesen. Die winzigen Erbsenmuscheln etwa reisen im Gefieder von Vögeln hoch über der Erde in alle Welt, wilde Orchideen blühen am Wegesrand und die mehrere Hundert Jahre alten Eichen der Auwälder stehen stoisch bis zu 100 Tage im Wasserwald. Mehr als 1.000 Pflanzenarten kommen hier vor, seltene Obstsorten ebenso wie wärmeliebende Pflanzen der Urzeit. 310 von 469 überhaupt in Deutschland lebenden Vogelarten haben Ingo Fritzsche und seine Kollegen bereits nachgewiesen, dazu mehr als 500 Schmetterlingsarten, einmalig viele Fische, Insekten, Amphibien. Kranich, Seeadler und Weißstorch brüten hier. Neben den Bibern durchziehen auch Fischotter die Flussläufe. Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Oranienbaumer Heide helfen gar Heckrinder, eine Nachzüchtung der 1627 ausgestorbenen Auerochsen, bei der Landschaftspflege. Im Auenhaus nahe der Biberfreianlage bei Oranienbaum, dem wichtigsten Infozentrum des Biosphärenreservats und bestem Ausgangspunkt für einen Reservatsbesuch, kann sich jeder kostenlos darüber informieren.

Spätestens hier wird klar, das Biosphärenreservate wie die Landschaft an der Mittelelbe kein eingezäunter Zoo, sondern eine Art Zukunftslabor sind. Betreten ist auf 97 Prozent der Fläche ausdrücklich erwünscht. Viele Menschen leben und arbeiten mitten im Schutzgebiet, ganze Städte wie Dessau und Wittenberg liegen innerhalb der Reservatsgrenzen. Hier, wo

UNESCO-geschütztes Natur- und Kulturerbe untrennbar miteinander verbunden sind, sollen beispielhaft Modelle für eine Zukunft gefunden werden, in der Wirtschaft und Wildnis kein Widerspruch mehr sind. Einen Blick darauf werfen kann man schon heute.

Im Rhythmus des Paddelschlags schlängeln wir uns von Wittenberg rund 20 Kilometer die Elbe hinab bis in den Wörlitzer Winkel. Ab hier sind es mit dem Rad nur 17 Kilometer bis zum berühmten Bauhaus in Dessau-Roßlau oder auf dem historischen, obstbaumgesäumten Kopfsteinpflaster der Gartenreichtour Fürst Franz nur noch wenige Minuten bis zu einer der bekanntesten Parkanlagen Europas, den Wörlitzer Anlagen. Sie sind Ursprung und Glanzstück des 142 Quadratkilometer großen UNESCO-geschützten Gartenreichs Dessau-Wörlitz. Ingo Fritzsche begleitet uns, denn wer sich zuvor anmeldet, bekommt auf Wunsch fast überall im Reservat kostenfrei einen Naturkenner zur Seite gestellt. Zur Rechten tauchen am Ufer die Türme der Wittenberger Schlosskirche auf, an deren Tür der Reformator Martin Luther einst seine 95 Thesen angeheftet haben soll.

Hunderttausende pilgern jedes Jahr zu Fuß auf dem Lutherweg, per Rad und eben per Boot zu den Lutherstätten der Stadt. Auf dem Fluss ist von Ihnen selbst zur Ferienzeit nichts zu hören. Ein Seeadler kreist über dem breiten Flussbett, am Ufer heben trinkende Schafe neugierig die Nase aus dem Wasser. Nur die ungelenken Wasserklatscher einiger eindeutig großstädtischen Touristen stören den Frieden. Sie drehen sich auf der sanften Elbe als wären die wilden Strudel der Niagarafälle hinter ihnen her.

"Ich habe das größte Glück, so einen Job machen zu dürfen", sagt der ehemalige Forstarbeiter. Nach der Wende wurde er vom Waldarbeiter zum Naturschützer.

Aufgewachsen ist Ingo Fritzsche nur ein paar Elbkilometer weiter, in Coswig. Wenn er von seiner Kindheit an der Elbe, von Opas altem Angelkahn, ja sogar von dem Ärger spricht, den es gab, wenn die Rotzbengel ihn heimlich ausgeborgt haben, wirkt Ingo Fritzsche glücklich. Ein Zwiespalt aber gärt doch gerade in ihm. Darf ein Herr mit Khakishirt und Biosphärenreservatsemblem auf der Brust eigentlich Mückenspray innerhalb des Schutzgebietes benutzen - auch noch vor Touristen?

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