Montag, 25. Juni 2018


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Aufgetafelt an der Straße der Romanik: Schlaraffenland und karge Kost, die Klosterküchen im Mittelalter

Magdeburg, (lifePR) - Bei der Rundreise auf der Straße der Romanik kann man Sachsen-Anhalt auch kulinarisch kennenlernen. In gemütlichen Restaurants werden regionale Spezialitäten aus Küche und Keller serviert, darunter der köstliche Saale-Unstrut-Wein. Zünftig mittelalterlich getafelt wird beim Ritteressen in authentischer romanischer Kulisse. In Burgen wie die Konradsburg, die Neuenburg, Burg Allstedt, Burg Falkenstein und die Rudelsburg wird gespeist wie einst im Mittelalter. Hier ein kleiner Exkurs:

Gebratener Schwan oder Pfau gefällig? Oder fiele die Wahl eher auf gedämpften Biberschwanz, paniert und ausgebacken? Zur Abrundung des Mahles etwas Milbenkäse gewünscht? Exotisch, wenn nicht gar absonderlich, kämen uns heute solche Gerichte vor. Im Mittelalter galten sie als Delikatesse und boten eine willkommene Abwechslung im Fasteneinerlei.

Was der Mensch damals so alles aß, lässt sich pauschal nicht beantworten. Es hing davon ab, welchem Stand er angehörte. Mittelalterliche Rezeptsammlungen gab es erst ab dem 14. Jahrhundert, doch was die Esskultur bei Hofe oder in den Klosterrefektorien anbelangt, geben Quellen schon früher Auskunft. Zu viel, zu fett, zu stark gewürzt - so lassen sich die Ernährungsgewohnheiten von Ritter bis Fürst zusammenfassen. Mehrgängige Speisenfolgen mit dem Hauptbestandteil Fleisch und wenig Brot als Beilage waren üblich. Als besonders delikat und luxuriös galten ausgefallene Fleischarten wie Schwan oder Pfau, am besten stark gewürzt mit teuren exotischen Gewürzen wie Zimt, Pfeffer, Safran und Nelke, denn man wollte ja zeigen, was man sich leisten konnte. Damit gingen die Köche recht wahllos um, sodass die Gerichte selbst den bescheidensten kulinarischen Ansprüchen unserer Zeit nicht genügen würden. Gemüse und Kräuter waren eine willkommene Bereicherung, ebenso beliebt waren frische oder auch kandierte und getrocknete Früchte.

Wie eine solche "Tafeley" ausgesehen haben könnte, kann man heute noch auf verschiedenen Burgen an der Straße der Romanik erleben. Die Neuenburg lockt nicht nur mit einem wunderbaren Panoramablick, sondern auch mit Köstlichkeiten aus den Küchen und Weinkellern der Region Saale-Unstrut. Burg Wanzleben bietet passend zum historischen Ambiente der Burganlage kulinarische Genüsse, die auch für die Herrscher des Mittelalters eine große Freude gewesen wären und auf Burg Falkenstein wird ein deftiger mittelalterlicher Schmaus serviert.

Dass sich die Tafeln der Reichen unter den üppigen Speisen bogen, dafür sorgte das einfache Volk mit seinen Abgaben. Den Bauern blieb oft kaum das Lebensnotwendige übrig. Ihren Speiseplan, wie übrigens auch den der Burgmannschaft, bestimmte Getreide. Vor allem Dinkel und Roggen wurden zu dem täglichen Brei, bisweilen zu Brot verarbeitet und in schlechten Zeiten mit Grassamen und gemahlenen Eicheln gestreckt. Gemüse beschränkte sich auf Kohl, Rüben, Zwiebeln und Knoblauch. Gartenkultur war für die Landbevölkerung des Mittelalters ein Fremdwort, sie griff eher auf die Schätze der Natur zurück und verleibte sich Portulak, Raute, Pastinake oder längst vergessenes Wildgemüse wie den "Guten Heinrich" ein.

Wie diese vernachlässigten Nützlinge aussahen, führt der Klostergarten des ehemaligen Prämonstratenserstiftes Jerichow an der Nordroute der Straße der Romanik vor Augen. Im historischen Klostergarten der Anlage aus dem 12. und 13. Jahrhundert stehen alte Nutzpflanzen im Vordergrund, in ihrer heute noch vorkommenden Wildform. Wer mag, kann sich deren Verwendung in der Heilkunde und der mittelalterlichen Volksküche erklären lassen und Produkte im kleinen Klosterladen kaufen. Den Klöstern ist es auch zu verdanken, dass durch systematische Gartenkultur der breiten Masse später mehr Lebensmittel zur Verfügung standen und eine raffinierte Kochkultur entstand. Dank dem Prinzip der Selbstversorgung lag das Schlaraffenland direkt vor der Tür. Für die vielen fleischlosen Fastentage, Ordensgründer Benedikt von Nursia verordnete mehr als 130, legten die Mönche Fischteiche an. Ganze zwanzig haben die Zisterzienser von Kloster Michaelstein im 12. Jahrhundert angelegt, 17 davon sind noch heute zu sehen. Ein eindrucksvolles Panorama schufen sie dort, eine Kulturlandschaft par excellence. In Terrassen steigen die Teiche bis zum sie speisenden Brunnen hoch - durch ein ausgeklügeltes Dämmesystem miteinander verbunden. Bei so viel Fisch wundert es nicht, dass die Mönche mit Fantasie so manches Hintertürchen zur Flucht aus dem Fastengebot aufstießen. So deklarierten sie kurzerhand den Biberschwanz zur Fischspeise, schließlich war dieser wassergängig und trug Schuppen. Schlemmen hinter Klostermauern war an der Tagesordnung. Richtig verstanden, entsprach die Ernährungslehre der Klöster, die sich auch aus dem Wissen der Antike speiste, einer gesunden Esskultur. Die Benediktineräbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) erkannte schon früh den Zusammenhang zwischen einer ausgewogenen Ernährung und einem gesunden Körper und Geist. Sie forderte zu mehr Maß und Eigenverantwortlichkeit im Umgang mit dem Essen auf und empfahl, hauptsächlich Getreide, Gemüse, Kräuter und Obst zu essen. Favorit der ersten Naturärztin bei den Getreiden war der Dinkel, für sie Heilnahrung und als Mehl, Grieß, Kaffee oder Reis ein Hauptbestandteil ihrer Klosterküche.

Was sie zum Milbenkäse gesagt hätte? Wir wissen es nicht. Fest steht, es gab ihn schon zu ihrer Zeit - und er ist eine Herausforderung an unser ästhetisches Empfinden. Bereits seit dem Mittelalter wird er in der Gegend um Zeitz, der südlichsten Station der Straße der Romanik, hergestellt. Milbenbefall stellte ein bekanntes Risiko bei der Käselagerung dar, also machte man aus der Not eine Tugend und bezog die Milben als Nutztiere in den Produktionsprozess ein. Diese knabbern am Käse und sorgen durch ihren Speichel für dessen Reife. Die skurrile Spezialität kann man in der europaweit einzigartigen Milbenkäsemanufaktur in Würchwitz testen: in Kugel- oder Wurstform, aber immer mit lebenden Milben darauf.

2013 wird in Sachsen-Anhalt das 20. Jubiläum der Straße der Romanik gefeiert. Noch heute lässt sich dort das Mittelalter erleben. Die rund 1.000 Kilometer lange Route verbindet 65 Orte mit 80 romanischen Domen, Kirchen, Burgen und Pfalzen und lädt zur Zeitreise ins Mittelalter ein. Im Jubiläumsjahr gibt es Gelegenheit, Veranstaltungen zu besuchen und Erlebniswelten der Straße der Romanik neu zu entdecken. Zu den Höhepunkten zählt die Reihe "80 Tage an der Straße der Romanik" mit mehr als 80 Konzerten, Festen, Ausstellungen, Führungen und Festspielen. Ausführliche Informationen und kostenfreie Broschüren gibt es unter www.strasse-der-romanik.de.

Text: Thomas Spindler

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