Dienstag, 26. September 2017


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Art Without Death: Russischer Kosmismus

Ausstellung 1.9.-3.10.2017, Eröffnung 31.8., Konferenz 1./2. 9.

Berlin, (lifePR) - Der Russische Kosmismus stand für die Forderungen nach physischer Unsterblichkeit der Lebenden, Wiedererweckung der Toten und Reisen ins All. Die Bewegung entwickelte sich aus der Spiritualität im Russland des 19. Jahrhunderts verbunden mit einer schier unerschöpflichen Begeisterung für Wissenschaft und Technik. Die Doktrin vom unsterblichen Dasein im unendlichen Raum vereinte in sich den Optimismus sowohl der Wissenschaft als auch der Künste der damaligen Zeit. Seither hatte das utopische, science-fiction-artige Denken der Kosmist_innen großen Einfluss auf Kunst, Wissenschaft und Politik – im vorrevolutionären Russland ebenso wie in der Sowjet-Ära.

Aus heutiger Sicht eröffnet der Russische Kosmismus, obwohl von der offiziellen Sowjet-Ideologie überschattet, neuartige Perspektiven auf die russische Avantgarde sowie Ideologie und Politik Russlands bis in die Gegenwart. So verlangte etwa Nikolaj Fedorov (1829–1903) in seinen einflussreichen Schriften, dass oberstes Ziel der Technologieentwicklung die Überwindung des Todes sein müsse; alle Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben, müssten wieder zum Leben erweckt werden. Die Kosmist_innen waren auch visionäre Wegbereiter_innen der Raumfahrt – bei Fedorov etwa war die Besiedlung anderer Planeten unausweichliche Folge der Raumknappheit nach der Wiedererweckung der Verstorbenen. Das Museum als Institution spielte ebenfalls eine bedeutende Rolle: Dort sollten die für die Resurrektion nötigen Überreste der Toten konserviert werden. Fedorov wie auch der Maler und Gründer des Suprematismus Kasimir Malewitsch glaubten außerdem, das Museum sei nach dem Tod Gottes der einzige Ort, an dem eine transhistorische Vereinigung über das Grab hinaus möglich sei.

Art Without Death ergründet den Russischen Kosmismus – seine philosophischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Konzepte und Ideen – und verknüpft dabei historisches Material mit zeitgenössischen Positionen. Eine Ausstellung präsentiert das dreiteilige Filmprojekt Immortality for All! (2014–17) von Anton Vidokle in einer Architektur, die von muslimischen Friedhöfen in Kasachstan – wo einige Sequenzen gedreht wurden – und dem Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz inspiriert ist. Die Ausstellungsarchitektur von Nikolaus Hirsch und Michel Müller basiert auf einer Idee von Hito Steyerl. Der dritte Teil der Trilogie, ein ausgedehntes Rechercheprojekt, dessen Drehorte sich über die gesamte ehemalige Sowjetunion erstrecken, wird bei Art Without Death Premiere feiern. Daneben zeigt die Ausstellung  Cosmic Imagination: Künstler*innen der Russischen Avantgarde historische Werke der Sammlung George Costakis (Greek State Museum of Contemporary Art – Costakis Collection Thessaloniki), der größten Sammlung von Kunst der Russischen Avantgarde außerhalb Russlands. Die Arbeiten – ausgewählt vom Philosophen und Kunsttheoretiker Boris Groys – sind von Projekten einer utopischen Biopolitik der Unsterblichkeit inspiriert und ermöglichen eine neue Lesart vor ihrem oft übersehenen kosmistischen Hintergrund. Arseny Zhilyaevs raumgreifende Arbeit schließlich – funktionsfähige Bibliothek und Installation in einem – versammelt Schlüsselwerke kosmistischer Theorie, Wissenschaft, Lyrik und Fiktion aus Russland unter dem Licht therapeutischer Lampen zur Verbesserung der Blutzirkulation, die auf einer Technologie des Biophysikers Alexander Chizhevsky basieren.

Mit Arbeiten von Maria Ender, Xenia Ender, Iwan Kljun, Gustavs Klucis, Iwan Kudrjaschow, Solomon Nikritin, Kliment Redko, Alexander Rodtschenko, Olga Rosanova & Alexej Krutschonych, Wassilij Tschekrygin, Anton Vidokle und Arseny Zhilyaev.


Ausstellungsarchitektur von Nikolaus Hirsch & Michel Müller.

Eine Konferenz am 1. und 2. September untersucht die aktuelle Bedeutung des Russischen Kosmismus: An der Schwelle zwischen Anthropozentrismus und Materialismus stehend, gewinnt die Bewegung 100 Jahre nach der Russischen Revolution erneut an Relevanz.
Mit Beiträgen von Robert Bird, Angeliki Charistou, Maria Chehonadskih, Svetlana Cheloukhina, Keti Chukhrov, Anastasia Gacheva, Michael Hagemeister, Trevor Paglen, Alexei Penzin, Marina Simakova, Hito Steyerl und anderen.
Eintritt frei, Anmeldung erbeten: cosmism@hkw.de

Art Without Death: Conversations on Russian Cosmism, Gespräche über den Kosmismus mit Franco (Bifo) Berardi, Boris Groys, Marina Simakova, Hito Steyerl, Anton Vidokle, Arseny Zhilyaev und anderen erscheint im September 2017 bei Sternberg Press. Book Launch: Sonntag, 1. Oktober, 15h im Gespräch mit Inke Arns, Jörg Heiser und Anton Vidokle.

Im März 2018 erscheint Kosmismus, der 10. Band der HKW-Publikationsreihe Bibliothek 100 Jahre Gegenwart im Verlag Matthes & Seitz Berlin, herausgegeben von Boris Groys und Anton Vidokle. Mit historischen und zeitgenössischen Texten zum Kosmismus von u. a. Alexander A. Bogdanow, Nikolaj Fedorov, Michael Hagemeister, Andrej Platonow und Arseny Zhilyaev.

Art Without Death: Russischer Kosmismus findet im Rahmen von 100 Jahre Gegenwart statt. 100 Jahre Gegenwart wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages gefördert. Das Haus der Kulturen der Welt wird durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie durch das Auswärtige Amt gefördert.

Art Without Death: Russischer Kosmismus
Anton Vidokle, Boris Groys, Arseny Zhilyaev
Ausstellung, Konferenz

Ausstellung: 1.9. – 3.10.2017
Konferenz: 1. und 2.9.2017
Book Launch: 1.10.2017, 15h

Eröffnung: Do 31.8.2017, 19h
Presserundgang: Do 31.8.2017, 17h
Akkreditierung für Presserundgang, Eröffnung und Konferenz: presse@hkw.de
www.hkw.de/kosmismus

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