Moral, Maßstäbe, Diskurs: Der Grimme-Preis und das "Dschungelcamp"

Nominierung von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!": Positionsbestimmung von Grimme-Direktor Uwe Kammann

(lifePR) ( Marl, )
Der diesjährige Grimme-Preis geht in die Endrunde. Am morgigen Samstag, 2. Februar, beginnen die Jurys des 49. Grimme-Preises 2013 mit ihrer Arbeit, nachdem drei Nominierungs-kommissionen aus rund 800 vorgeschlagenen und eingereichten Produktionen jene 57 Sendungen ausgewählt haben, die nun den Endjurys vorliegen. Ihre Aufgabe ist es, aus diesen 57 Produktionen nach gründlicher Sichtung und Diskussion jene zwölf zu bestimmen, welche die Auszeichnung erhalten, die am 12. April im Theater der Stadt Marl verliehen werden.

Aus Anlass der heftig entbrannten Debatte um eine der 57 nominierten Produktionen - die RTL-Reihe "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" (Kurzformel "Dschungelcamp") hat der Direktor des Grimme-Instituts, Uwe Kammann, in einer aktuellen Positionsbestimmung die Grundlinien der Grimme-Preisfindung nachgezeichnet und wichtige Gesichtspunkte zur Bewertung von Fernsehproduktionen zusammengefasst.

Die Stärke des Grimme-Preises, so Kammann, sei nicht allein die hohe Qualitätskonstanz bei der Auswahl, sondern sie bestehe "auch und vor allem im Diskurs über eben diese Qualität". Dieser Diskurs werde von rund 60 renommierten und unabhängigen Personen geführt, die insgesamt über sieben Wochen das Gesamtangebot eines Fernsehjahres intensiv sichteten und diskutierten. Dies geschehe in bewusst gewährter völliger Unabhängigkeit der Kommissionen und Jurys, damit "ein authentisches, freies Urteil zustande kommt".

Ein verlässliches, mehrheitlich geteiltes Qualitätsurteil sei immer an individuellen Austausch gebunden, bei dem die Kerneigenschaften eingekreist und die Entscheidungen ausführlich begründet würden. Dass Auszeichnungen auch starken Protest bis zur Empörung hervorgerufen hätten - wie bei Harald Schmidt und Stefan Raab -, gehöre zur Geschichte des Preises.

Gerade die Unterhaltung sei ein äußerst heikles Feld, hier gingen die Einschätzungen und die Urteile am stärksten auseinander. Nirgends sei der Streit größer, je nach den Vorlieben, welche die einzelnen Zuschauer hegen, je nach soziokulturellen Einflüssen, je nach dem Geschmack auch, den sie mitbrächten und der nicht nur gruppengebunden sei. Grundsätzlich sei die Haltung zur Unterhaltung in hohem Maße von subjektivem Erleben und individuellen Einstellungen sowie von Emotionen bestimmt.

Einzuordnen ist laut Kammann der derzeitige Streit um die "Dschungelcamp"-Nominierung in den tief greifenden gesellschaftlichen Wertewandel, der sich seit Ende der 60er Jahre vollziehe. Entsprechend hätten sich auch im Fernsehen viele Maßstäbe verschoben, nicht zuletzt wegen des Mitte der 80er Jahre aufgenommenen kommerziellen Wettbewerbs, der die Spielregeln der programmlichen Zielsetzung grundlegend verändert habe.

Gegenwärtig sei es die allgemeine und unmittelbare Zugänglichkeit von Inhalten im Netz, welche den bisherigen medialen Grenzverletzungen, Tabubrüchen und Moralverschiebung, wie sie gerade auch Kunst und Kultur kennzeichneten, eine neue Qualität verliehen. Vielem sei dabei nicht zu entkommen. Jeder sehe heute an Bushaltestellen Dessous-Werbung, "die früher ins pornographische Kabinett gesperrt worden wäre." Bemerkenswert sei auch die in medial vielfältiger Form allgegenwärtige Gewalt, die offenbar ein Grundfaszinosum darstelle.

Das Beste der so heftigen Preisdiskussion sei wahrscheinlich, so der Grimme-Direktor, dass jetzt in einem breiten Diskurs, weit über den Anlass hinaus, noch einmal neu und intensiv über unsere Maßstäbe und unser eigenes Alltags- und Ausnahmeverhalten nachzudenken sei, ebenso über die Entwicklung anderer Moraldebatten. Diese Debatte müsse auch dem Fernsehangebot insgesamt gelten sowie der Qualität der Sendungen, "die nicht offensichtlich zum Hochklasse-Fernsehen gehören wie die Filme eines Matti Geschonneck, der dafür in diesem Jahr bei Grimme besonders geehrt wird."

Besonders interessant werde der Diskurs vielmehr da, "wo Qualitäten schillernd sind, wo Inszenierung und Spektakel auch auf ganz kontroverse Arten gesehen und gedeutet werden können, wo die Interpretationen nicht so eindeutig sind, wo - kurz gesagt - das Spiel schillernd und offen ist, wo es polarisiert, wo es sehr gegenläufige Empfindungen auslöst, wo sich stark changierende und teils feindselig gegenüberstehende Teil-Öffentlichkeiten bilden, die nur schwarz-weiß kennen und Grauzonen verabscheuen."

Die vollständige Positionsbestimmung ist im Internet zu lesen unter: www.grimme-institut.de.
Für die oben stehenden Pressemitteilungen, das angezeigte Event bzw. das Stellenangebot sowie für das angezeigte Bild- und Tonmaterial ist allein der jeweils angegebene Herausgeber (siehe Firmeninfo bei Klick auf Bild/Meldungstitel oder Firmeninfo rechte Spalte) verantwortlich. Dieser ist in der Regel auch Urheber der Pressetexte sowie der angehängten Bild-, Ton- und Informationsmaterialien.
Die Nutzung von hier veröffentlichten Informationen zur Eigeninformation und redaktionellen Weiterverarbeitung ist in der Regel kostenfrei. Bitte klären Sie vor einer Weiterverwendung urheberrechtliche Fragen mit dem angegebenen Herausgeber. Bei Veröffentlichung senden Sie bitte ein Belegexemplar an service@lifepr.de.