Montag, 27. Februar 2017


  • Pressemitteilung BoxID 64346

Der Mann, der gegen Beuys boxte

(lifePR) (Erfurt, ) Abraham David Christian ist eine lebende Legende des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Seine erste Arbeiten entstanden um 1970. Es handelte sich um Aktionen und Grenzerfahrungen, und anfangs definierte er sie nicht als Kunst. Joseph Beuys erkannte das Potential dieser Unternehmungen und holte den jungen Künstler an die Düsseldorfer Akademie.

1972, gerade zwanzigjährig, nahm Christian an der documenta 5 teil. Noch während der Ausstellung rebellierte er gegen Beuys und forderte den Meister zu einem inzwischen legendären Boxkampf heraus. Die d 5 unter der Leitung von Harald Szeemann gilt als die bislang wichtigste documenta, und der Kampf war zugleich ihre Abschlußveranstaltung. Die fünf Jahre später folgende Nominierung zur d 6 schlug Christian ostentativ aus, wurde zur documenta 7 wieder eingeladen und nahm an. Anschließend zog er sich wieder für Jahre aus dem offiziellen Kunstbetrieb zurück.

Christian vertrat eine radikaldemokratische Kunstauffassung. Er begriff Kunst als aus der Gesellschaft kommend und ihr gehörend. Seine Person entzog er bewusst dem öffentlichen Blick, verbot der Presse, sein Porträt abzubilden und verzichtete zeitweise in Katalogen auf die Nennung seines Namens. Bis heute besitzen die meisten seiner Werke keine Titel, damit sie das Bewusstsein der Betrachter ohne kommentatorisches Branding erreichen können. Abraham David Christians Weg der strikten Trennung von Kunst und Künstlerpersönlichkeit verkörpert einen Gegenentwurf zum Modell des Hypes, eine sympathische Möglichkeit mit Potential für die Zukunft.

Seine ersten Plastiken formte der Künstler aus Erde. Ihre Herstellung war äußerst aufwendig und nahm Jahre in Anspruch, zugleich war ihr Zerfall einkalkuliert. Kunst sah Christian als Prozess. In einer Welt der beschränkten Ressourcen und der Kreisläufe sollte das Resultat zwar perfekt, zugleich aber ephemer sein. Dieser Auffassung folgen auch seine äußerst komplexen Papierskulpturen, die seit Ende der siebziger Jahre entstehen. Seit über zwei Jahrzehnten verwendet Christian auch Bronze. Dieser Werkstoff befindet sich seit fünf Jahrtausenden im Einsatz. Er lässt sich einschmelzen und beliebig neu verwenden, unkompliziert verfrachten und lagern. Die Detailversessenheit der frühen Jahre hat sich zu außerordentlichem Qualitätsbewußtsein gewandelt, einem besonderen Sinn für den Geist eines Werkes, für Volumina und Oberflächen.

Die geometrisch wie figurativ inspirierten Arbeiten des Bildhauers referieren sich an Ur-Formen, die seiner Beobachtung nach in allen paläolithischen Kulturen der Welt auftauchen. Er begreift sie als angeborenen Formenschatz des Menschen. Ur-Formen erscheinen in Idolen wie der Venus von Willendorf und wurden bis in jüngste Vergangenheit von "primitiven" Völkern verwendet. Bevorzugt bezieht der Künstler sich auf Umbruchsituationen der Kunstgeschichte, die grundlegend Neues erzeugten, in denen die Ur-Formen sich gleichsam vom kulturhistorischen Sediment befreiten und wieder an die Oberfläche gelangten. Solche Verhältnisse herrschten während der Renaissance wie der Moderne und bestehen heute wieder. Auch gegenwärtig befindet unsere Kultur sich im Umbruch - die Globalisierung provoziert die Verständigung auf Gemeinsamkeiten

An den sieben Skulpturen der Gruppe "Türme der Stille" arbeitete Abraham David Christian während der vergangenen beiden Jahre. Die Entwürfe entstanden in Hayama, die Gipsmodelle im Laufe des letzten Winters in New York. Anfang 2008 wurden sie in Deutschland gegossen, nachbearbeitet und patiniert. Jede einzelne Skulptur besteht aus einem stufenförmig ansteigende Unterbau aus sechs bis sieben Hexaedern und einer zapfen- oder tropfenartigen Form auf dem obersten Plateau. Der Unterbau erscheint statisch, die darauf thronende Form organisch.

Spontan erinnern die "Türme" an Zikkurate und Stupas, aber auch an noch archaischere Formen wie die aus animistischen Zeiten stammenden skandinavischen Steinmänner oder die in Tibet allgegenwärtigen Lhadhos.

Abraham David Christians "Türme der Stille" umschreiben einen großen Kreis menschlicher Wahrnehmungsgeschichte. Sie setzen sich mit Architektur und Weltauffassung auseinander, sie agieren physisch und metaphysisch gleichzeitig. Ihre formale Seite konzentriert sich auf den Gegensatz von Tragendem und Getragenem, auf Aszendenz und Deszendenz. Metaphysisch können die Skulpturen als spirituelle Leuchttürme begriffen werden, als Objekte der Kontemplation.

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