Überschätzte Emissionsreduktionen - trotzdem stellen UN Millionen weitere Emissionsgutschriften aus

(lifePR) ( Cancun, Mexiko, )
Klimaschützer haben am Wochenende den Beschluss des CDM Executive Board begrüßt, die Berechnungsmethodologie für HFC-23-Projekte zu suspendieren, weil sie zur überhöhten Ausgabe von Emissionsgutschriften führen kann. Überarbeitete Regeln werden im Juni 2011 vorgelegt - rückwirkende Änderungen wurden aber nicht ausgeschlossen. CDM Watch bezeichnete eine andere Entscheidung widersprüchlich, fast 20 Millionen Emissionsgutschriften für HFC-23-Projekte auszustellen. Bei der Sitzung wurde auch ein 1320 MW-Kohlekraftwerksprojekt akzeptiert, was CDM Watch einen Schandfleck für die Glaubwürdigkeit des Emissionshandelsmarktes nannte.

Zu Beginn dieses Jahres wurden die UN mit erdrückenden Hinweisen darauf konfrontiert, dass HFC-23-Hersteller das CDM-System missbrauchen und die Emissionshandelsmärkte untergraben, indem sie mehr HFC-23 herstellen, nur um anschließend mit seiner Zerstörung Emissionsgutschriften zu bekommen. Nachdem beantragt wurde, diese Regeln zu ändern, begannen die Vereinten Nationen eine umfassende Untersuchung, deren Ergebnisse letzte Woche bei der Sitzung des CDM Executive Board in Cancun erstmals bekannt wurden.

Fehler in der Berechnungsmethodologie entdeckt

Diese Ergebnisse zeigen unter anderem dass (1.) wahrscheinlich die Emissionsreduktionen überschätzt wurden (2.) die Zerstörung von HFC-23 im CDM attraktiver ist als die Produktion von HCFC-22 (3.) nach Ablauf ihrer wirtschaftlichen Betriebsdauer wäre die Anlage ohne den CDM durch eine neuere Anlage mit potenziell niedrigeren HFC-23-Emissionen ersetzt worden (4.) das Montreal-Protokoll in Verbindung mit den bestehenden Regeln zu einer Überschätzung der Ausgangsbasis der Emissionsberechnungen führen kann und (5.) dass CDM-Anlagen wahrscheinlich die Produktion von Nicht-CDM-Anlagen ersetzt haben.

Konsequenterweise hat das Executive Board die Berechnungsmethodologie mit sofortiger Wirkung suspendiert und seinen Methodologie-Ausschuss gebeten, überarbeitete Regeln bis Juni 2011 vorzulegen, mit denen diese Probleme behoben werden sollen. Eine neue Berechnungsmethodologie würde nur für diejenigen Projekte wirksam, deren Bewilligungszeitraum abgelaufen ist. Wenn die Änderungen sofort wirksam werden sollen, muss das Board die Interpretation der bestehenden Regeln klären.

"Wir begrüßen es sehr, dass das Board endlich gehandelt hat. Die Suspendierung der Berechnungsmethodologie und die Überprüfung der Regeln war überfällig " sagte Eva Filzmoser, Programmdirektorin von CDM Watch. "Allerdings dürfen wir uns darauf jetzt nicht ausruhen und überhöhte Emissionsgutschriften noch jahrelang weiter hinnehmen. Die bestehenden Regeln sollten in Übereinstimmung mit den Untersuchungsergebnissen geklärt und auf alle bisher registrierten Projekte angewandt werden. Wir brauchen dafür keine Übergangszeit." fügte sie hinzu.

Rückwirkende Maßnahmen für HFC-23-Reduktionsprojekte möglich

Pedro Martins Barata, Mitglied des CDM Executive Board, kommentierte während der Sitzung "Wir müssen diskutieren, inwiefern diese Defizite im Rahmen einer vernünftigen Auslegung der bestehenden Methodologie bereits behoben werden können. Wenn das auch nur teilweise möglich sein sollte, sollten wir das tun ".

Im Zusammenhang damit hat CDM Watch im August 2010 einen Antrag gestellt, die bestehenden Regeln für die Berechnungsmethodologie für HFC-23-Projekte klarzustellen, der vom Methodologie-Ausschuss erstmals bei seiner Oktober-Sitzung besprochen wurde. Dieser neue Antrag versucht klarzustellen, wie die Abfallerzeugungsrate für HCFC-22-Produktionsanlagen berechnet werden sollte, bei denen Schlüsselkomponenten ersetzt oder nachgerüstet wurden. Der Einbau effizienterer Produktionstechniken müsste logischerweise zur Verringerung der Abfallerzeugung führen. Der Wortlaut der Methodologie ist diesbezüglich jedoch nicht eindeutig. Der Antrag liegt jetzt dem Methodologie-Ausschuss vor und wird bei dessen nächster Sitzung 2011 diskutiert.

Widersprüchliche Ausstellung von Emissionsgutschriften für HFC-23-Reduktionsprojekte

Bei derselben Sitzung genehmigte das Board die Ausstellung von fast 20 Millionen Emissionsgutschriften für 12 HFC-23-Projekte, die für die Dauer der Untersuchung suspendiert waren. "Dieser Schritt ist völlig widersprüchlich" sagte Natasha Hurley, politische Beraterin von CDM Watch. "Es macht doch keinen Sinn, wenn das Board für die Dauer der Untersuchung die Ausstellung von Emissionsgutschriften suspendiert und die Gutschriften ausgerechnet dann ausstellt, wenn die Untersuchung ergibt, dass es Probleme gibt".

Entscheidung über Ulsan steht noch aus

Das Board vertagte die Entscheidung über die Verlängerung des Bewilligungszeitraums für das erste HFC-23-Projekt in Ulsan in Südkorea auf Februar 2011. "Die Vertagung der Entscheidung könnte darauf hinweisen, dass Ulsan die fehlerhafte Berechnungsmethodologie nicht länger anwenden kann" interpretiert Eva Filzmoser diese Entscheidung. "Wir sehen keinen anderen Grund dafür, diese Entscheidung jetzt zu vertagen. Falls Ulsan jemals wieder Emissionsgutschriften erzeugen sollte, wird es das höchstwahrscheinlich nur unter geänderten Regeln tun können".

Indisches 1320 MW-Kohlekraftwerk genehmigt trotz Zweifeln an seiner Zusätzlichkeit

Nachdem das Board das Tata Mundra Ultra Mega Power-Projekt im September als CDM-Projekt abgelehnt hatte, bewilligte er jedoch einen Antrag der Adani Power Maharashtra Ltd auf Anerkennung eines superkritischen 1320 MW-Kohlekraftwerksprojekts in Tirora, Indien. "Diese Entscheidung ist ein Schandfleck für die Glaubwürdigkeit des Emissionshandelsmarktes" sagte Natasha Hurley. "Es gibt eindeutige Hinweise darauf, dass der Bau des Tirora-Projekts gar nicht auf CDM-Finanzierung angewiesen ist. Im Ergebnis werden jetzt 12 Millionen Emissionsgutschriften bis 2020 auf dem Papier reale Emissionsreduktionen ersetzen, die wir für den Kampf gegen den Klimawandel brauchen. Solche Entscheidungen müssen die Käufer von Emissionsgutschriften wie etwa die Europäische Union dazu veranlassen, strengere Regeln zur Überprüfung der tatsächlichen Zusätzlichkeit von Projekten anzuwenden".

Umweltpolitische Integrität ist keine Priorität

Im Rahmen seiner Arbeit zur Verbesserung der Berechnungsmethodologien lehnte das Board eine Anregung des UN-Klimasekretariats ab, diejenigen Methodologienverbesserungen prioritär zu behandeln, bei denen es um die Verbesserung der umweltpolitischen Integrität geht. Das langjährige Board-Mitglied José Domingos Miguez begründete dies so: "Ich möchte umweltpolitische Integrität nicht als Priorität haben, weil dies dem Methodologie-Ausschuss ein subjektives Mandat geben würde".

Zu Jahresbeginn hatte CDM Watch einen Antrag gestellt, der die Fehler der HFC-23-Projekte darlegte und der letztlich zu der Entscheidung führte, die Berechnungsmethodologie für HFC-23-Projekte zu suspendieren. CDM Watch hat kürzlich zudem einen Bericht herausgegeben, der die Überarbeitung der Berechnungsmethodologie für die Beseitigung von N2O aus der Adipinsäureherstellung anmahnte, weil die derzeitige Praxis zur Ausgabe von Millionen von Emissionsgutschriften führt, die durch keine reale Emissionsreduktionen gedeckt sind. Zudem wurde eine formale Eingabe gemacht, in der Fehler in der Berechnungsmethodologie für Kohlekraftwerke dargelegt wurden. Das UN-Klimasekretariat hat diese Eingabe jedoch ohne Mandat oder Entscheidung des Boards einfach zurückgewiesen, mit der Begründung, es sei unklar, ob CDM Watch überhaupt berechtigt sei, solche Eingaben zu machen. "Die Glaubwürdigkeit des CDM ist bereits schwer beschädigt. Wenn das Board mit dieser Art von Tatenlosigkeit weitermacht, kann dies nur zum Ende dieses Mechanismus führen" kommentierte Eva Filzmoser.

Neue Regeln für CDM-Müllprojekte in Sicht

Immerhin hat das Board beschlossen, Berechnungsmethodologien zu überprüfen, die Emissionsreduktionen für den Müllsektor berechnen, darunter Müllverbrennungstechnologien. "Die Überprüfung dieser Methodologie, die bisher biogene CO2-Emissionen ignoriert hat, ist überfällig" sagte Mariel Vilella von der Global Alliance for Incinerator Alternatives."Wir freuen uns, dass das Board sich diese Quelle von Emissionsgutschriften aus möglicherweise nicht-zusätzlichen Projekten nun endlich vornimmt ".
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