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Wenige Tage nach Baumgartens Tod trafen wir Helmut Schweizer, um ihn nach seinem künstlerischen Weggefährten und Freund zu fragen

(lifePR) (Düsseldorf, ) Wer war Lothar Baumgarten?

Lothar Baumgarten war jemand, wie ich ihn im Zusammenhang mit meiner künstlerischen Entwicklung nie mehr getroffen habe. Schon als ich ihn kennenlernte war er eigentlich ganz anders als zum Beispiel alle Mitstudenten. Er war mental geordnet, er war physisch geordnet, also die Kleider und die Haltung. Der hatte alles, was ich vorher bei Künstlern nicht gesehen hatte. Da war nicht ein Zitieren von Marcuse und Adorno damals, ´68. Sondern er hat über französische Literatur, er hat über die Strukturalisten sehr klare Sätze sagen können. Aber unaufdringlich, immer unaufdringlich, was in der Zeit das Unnormalste war. In seiner Wohnung war es so geordnet, wie ich es einfach nie gesehen hatte. Alles war wie ein Stillleben und er selber war absolut respektvoll vom ersten Augenblick der Begegnung an und er war stets interessiert, wenigstens an mir.

Also 50 Jahre sind es jetzt, immer Interesse am Anderen, immer Verständnis für Schwierigkeiten, die der andere in seinem Kopf oder in seinem Leben hat. Also das ist schon mal etwas ganz Seltenes. Dann war das jemand von Anfang an, der sehr informiert war, der sich in der Kunstgeschichte auskannte, aber auch die Dinge gesehen und auf seine Art wahrgenommen hat, mit dem man gern über etwas sprach, was man selber gerade erlebt hatte, dem man begegnet war und ihm davon berichtete. Er ließ sich darauf ein und man konnte einen Gewinn daraus ziehen. Und er zog auch Gewinne daraus.

Wie hast du Lothar Baumgarten kennengelernt?

Ich war 1968 in der Klasse von Horst Antes. Also Antes kam, glaube ich, das erste Mal und sagte: „Da bring ich noch einen mit. Der kommt aus Köln und war da schon an der Werkkunstschule und der war jetzt bei der Bundeswehr und kommt jetzt neu in die Klasse. Wie ist das denn, Helmut, bei dir, du hast jetzt das ganz leere Atelier nur für dich und da könnte man den Baumgarten doch mit reintun? Da guckten wir uns beide so an und ich sagte: Ja. Und da kam er, hat sich da eingerichtet und es war auch so, dass er sofort sein Terrain absteckte, aber nicht übergriffig war, sondern er sah, ich hatte vorher den ganzen Raum, jetzt musste ich die Hälfte abgeben und er hat dann seinen Raum eingenommen. Er war jemand, der wie ich, morgens pünktlich war. Er war jemand –

Um wie viel Uhr?

Jeweils um 9 Uhr. Und er hatte nicht die Bierflasche in der Hosentasche, sondern einen Meterstab und er war von vornherein, merkte man, mit einem Entwurf erschienen. Er arbeitete vom ersten Abend an etwas, er probierte nicht rum. Und er hat auch beobachtet, was ich machte. Hat aber keine dummen oder aufdringliche Kommentare gegeben. Wir haben uns auf der Schallplatte auch verstanden, ich hatte schon einen Plattenspieler installiert. Da lagen meine Coltrane und Miles Davis  und was ich so hörte, das gefiel ihm auch. Er brachte dann auch selber Platten mit und wir haben uns nicht beschweren müssen, dass der eine dem anderen die Platte zerkratzt hat. Also es war alles von Anfang an sehr angenehm, nur hab ich schon am dritten Tag gemerkt, also er wird nicht lange bleiben.

Im Mai hatte ich dann Joseph Beuys eingeladen für ein Gespräch in die Aula mit unserer Gruppe Puik

Alles in Karlsruhe?

Ja, das Ganze spielt zunächst in Karlsruhe. Und er stieß dann in dieser Person Beusy da vorne auf der Bühne plötzlich auf jemanden, wo ich sofort merkte: dass ist einer, an dem kann er sich abarbeiten. Das ist jemand, der seine Interessen befeuert. Und dann hab ich an dem Abend nach einem Gespräch in der Wohnung mit Beuys und Kalinowski und Studenten, Lothar und Beuys zum Bahnhof gefahren.  Lothar fuhr zu seiner Mutter nach Köln mit dem Beuys zusammen und ist am nächsten Tag nach Düsseldorf in die Akademie gefahren und hat geguckt, wie er sich da immatrikulieren kann.

Was gab es da zwischen Beuys und Baumgarten?

Metaphysik. Das war gleich klar. Das ist jemand, der hat in seinem metaphysischen Keller auch Platz für einen Baumgarten. Da kann er sich ansiedeln, wenigstens für eine Zeit lang.

War der metaphysische Keller voll Filz und Fett oder voll sozialer Plastik?

Urucu ‚Bixa orellana L.‘, 1969, Füße von Lothar Baumgarten

Da war das Material und der Umgang mit Material erst einmal. Mit dem Material voller metaphysischer Systematik. Das spürte er bei Beuys und das wollte er selber. Er wollte selber mit dem Material und mit der Form seine Gedanken zur Welt und zu unserer Sicht auf die Welt transportieren. Das faszinierte ihn, auch das Ungewöhnliche, das Nichtherkömmliche, dieses scharfe Messer von Beuys im Umgang mit der Welt. Das hat ihn fasziniert.

In seiner dreistündigen Präsenz in Aula und Kommune hat Beuys Lothar scharf vermittelt, dass der Mensch schon alleine durch seine Gestalt und Sprache eine ästhetische Setzung sein kann. Darauf hatte Lothar sich selbst schon lange bevor er mir erstmals in Karlsruhe begegnete, eingelassen. Beuys´ Verständnis, dass die Dinge selbst, also Material in seiner Form – beginnend mit dem gesprochenen und geschrieben Wort – schon Kunstwerk sein können, war damals im Frühjahr 1968  zum Ausgangspunkt für Lothars eigene, erste künstlerische Einlassungen geworden. In seiner für Düsseldorf sorgfältig gepackten Tasche trug er das bereits mit sich und entwickelte als er im Januar 1969 zu Beuys aufbrach, aber stets distanziert und voller Respekt vor dem Meister nur etwas weiter oben am Rhein.

Wurde Baumgarten ein Beuys-Schüler?

Nein. Kein Schüler. In seiner Arbeit sieht man aber Vieles, was vielleicht ihm als Zugriff nicht gelungen wäre, wenn er sich nicht quasi an Beuys eingesehen hätte. Und ich denke, von denen, die ich kenne, ist Rainer Ruthenbeck von den Schülern derjenige, der das Materielle am besten wie Beuys transzendieren konnte. Bei Baumgarten ist es vielleicht die Intensität und auch dieses, sich existenzielle Einlassen, z. B. später mit der Reise anderthalb Jahre an den Orinoco. Das ist etwas, was er ohne Beuys vielleicht gar nicht geschafft hätte. Diese angstlose Auseinandersetzung mit dem Gefährlichen, mit dem Risiko, mit dem, was keiner haben will, das hat er bei Beuys gesehen. Also der Künstler, der widerständig ist, aber nicht im Sinne einer sozialen Plastik.

Er kam nach Düsseldorf an die Akademie in die Beuys-Klasse, wie lange hielt er es da aus?

Er ging im Januar 1969 nach Düsseldorf. Man muss sich vorstellen, 1972 war er schon auf der documenta. In der Klasse selber hat er sich wohl nur ganz kurz aufgehalten. Er wohnte auf der Lindemannstraße in dem Kreishaus, wo auch Konrad Klapheck damals war. Dieses schöne alte Kreishaus. Lothar war in der Akademie vielleicht 1969/70, höchstens. Und dann war er in seinem Atelier und dann war er überall, vagabundierte herum von Galerie zu Ausstellungsraum zum nächsten und immer zurück an seinen kleinen Tümpel hinten am Rhein, wo er seine Fotos machte.

Was heißt „kleiner Tümpel am Rhein“?

Hinter dem Schwimmbad, in Lörrick. Da ist ein toter Rheinarm und dort hat er diesen Filme, diesen 16mm-Film, den ja jeder kennt, der jetzt jeder, der sich mit der Kunst von Baumgarten beschäftigt, kennt. Dort sind die ganz frühen Fotoarbeiten entstanden. Sie simulieren die Natur am Orinoco oder am Amazonas. Doch alles ist dort entstanden. E ist mit dem VW von seinem Atelier über den Rhein gefahren, um da, meistens alleine, die Tonaufnahmen zu machen und auch die 16mm Film Sequenzen. Mit der Akademie auseinandergesetzt hat sich Lothar eigentlich nicht. Beuys hat er ab und zu was gezeigt. Beuys wollte auch immer zu ihm ins Atelier kommen. Er wollte das gar nicht, das weiß ich noch ganz genau. Er hat Beuys beobachtet. Diese Nähe suchte er, dieses in zweiter Reihe stehen, sehen können: wie agiert er, wie denkt er, wie guckt er, wie beurteilt er was.
Aber auch wieder Arbeiten von Beuys sehen. Ich war mit ihm 1968 in Köln bei art intermedia, wo Beuys die Kreuzteilung machte. Er hat eher die Blicknähe und was dann quasi auf ihn dann als formale Präzision oder der Wunsch nach formaler Präzision und Klarheit, wie die Formen bei Beuys, das hat bestimmt seine Wandarbeiten, auch seine kleinen plastischen Arbeiten, die er fotografierte, geprägt. Und Beuys war auch Ansporn und Korrektiv. Oder die Messlatte, er war seine Messlatte.

Baumgarten kam schon früh in Kontakt zur Galerie Fischer, noch als Student. Wie ging das?

Ich glaube, wenn ich das richtig beobachtet habe ich war ja oft zu Besuch bei ihm, war das so, dass Konrad in der Uel verkehrte und man sich kennenlernte. Lothar war dann relativ schnell, also in dem Kreis, Palermo, Thadeusz, Anatol , mit von der Partie: Tischfußball und noch mal ein Alt, und noch eins. Lothar hatte etwas, das Leute, die ihn beobachtet haben, die seine Kommentare mitgekriegt haben, schon gemerkt haben, dass das nichts Abwegiges ist, sondern dass er etwas Besonderes ist. Und dann waren ja auch schon die ersten Arbeiten, vielleicht 1971, die Konrad auch gesehen hat. Der hatte ja diese minimalistischen Künstler schon, er hatte aber auch so einen Mann wie Bruce Nauman, wo das Körperhafte reinspielte, wo das Minimalistische auch immer dieses Metaphysische kriegt, immer aufgeladen ist. Und von daher hatte er bestimmt ein Auge für jemanden, der in Düsseldorf eventuell auch zu seiner Mannschaft passen könnte. Und kommunikativ konnten die irgendwie miteinander.

Was bei Konrad Fischer nicht einfach war.

Die Aura passte. Und natürlich, so war es bei Konrad immer, der hat gemerkt: Stimmt der Künstler? Ist der irgendeine Konstruktion? Ist es aufgeblasen? Meist hat er das richtig gesehen. Und so ist Lothar da reingerutscht. Und dann ist es ja so: Konrad Fischer war der Kontakt zu Cladders und dann gab es natürlich die Schiene rüber zu Rudi Fuchs nach Eindhoven und zu Harry Szeemann nach Bern. Und in all diesen Dingen saß er immer gleich im richtigen Waggon.

Wie entstand der Kontakt zu Szeemann?

Szeemann war einfach immer in Düsseldorf und hat diese ganze Bande abgeklopft. Er ist dann auf Baumgarten gestoßen und war einfach fasziniert. Es passte in die individuellen Mythologien, es passte in das Konzeptionelle, es passte in das Performative, es passte in…

Auch in die Obsession.

Ja klar. Über Konrad gab es dann eigentlich auch sofort wieder nach Italien die Verbindung, ich glaube, zu Sperone. Er stellte ja dann auch ganz rasch in Italien aus und hatte auch in Gruppen Ausstellungen. Da war einfach was mit etwas höchster Intuition. Ich kenne keinen, also neben dieser Ordnung, Disziplin, der so eine Intuition hatte, der so schnell etwas beurteilen konnte, ob es für ihn gut oder schlecht ist und dann auch konsequent sein konnte. Und auf der anderen Seite auch Intuition hatte in seiner Arbeit. Ich habe selten jemanden gesehen, der, wenn er hängt, und bei mehreren Ausstellungen war ich dabei, die er aufbaute, der so schnell wusste, wie, was, wohin muss und wie das mit was in welchem Zusammenhang steht, ohne dass er es theoretisch erläutern musste. Ich hab zuletzt, in den letzten beiden Ausstellungen bei Zander mit ihm zusammen gehängt, vor fünf Jahren oder so, und da habe ich auch gesehen, dass er alles rechnet. Dass es alles immer mit dem goldenen Schnitt zu tun hat. Dass also nichts der Zufall ist, wenn da was hängt. Jedes Maß, jede Entfernung, jede Höhe: alles, immer, er war immer am Rechnen. Trotzdem, sagt er plötzlich: „Nee, aber das muss jetzt fünf hoch.“  Also fünf rüber, aus dem goldenen Schnitt raus. Der konnte mit seinem Alphabet und seiner Grammatik mit ganz wenig Aufwand viel machen. Und hat das Geschick gehabt, was ich ja schon gesagt habe, dass er wirken konnte, das heißt, die Leute haben es dann auch für ihn getan. Walter Nikkels hat ihm z.B. die Kataloge wunderbar gestaltet. Ich war ja mit ihm zusammen bei Jan Hoet, der die documenta vorbereitet. Da sind wir zusammen nach Kassel gefahren und saßen also abends im Büro mit Hoet und haben besprochen, was ich da mache, was Lothar da macht. Wie er gleich den Zwehrenturm besetzte! Was ja eine wichtige Position war. Keiner konnte zur documenta kommen, ohne Lothar Baumgartens Zwehrenturms zu sehen. Das war so genial, weil er einfach den Entwurf in der Hosentasche hatte und also wie Tintoretto die Scola Grande haben wollte, einfach am Vortag jemanden bestochen hat, hochgeklettert ist, sein Gemälde eingebaut hat und die anderen Mitbewerber alle ankamen und Tintoretto sagte: „Oben hängt’s schon, wie sieht’s aus und im Übrigen, ich schenke es euch.“ So ähnlich war Lothar, der konnte so unterm Schluss putzen und dann noch bezahlen.

Wer musste bezahlen?

Die haben gedacht, sie kriegen es geschenkt. Absolut genial, den anderen unaufdringlich wirkend, wie er etwas platzierte. Eigentlich habe ich nur einmal erlebt, dass Lothar nicht das kriegte, was er wollte. Das war in Essen, im Folkwang-Museum, wo der Direktor Hartwig Fischer mit ihm ausgehandelt hat, dass Lothar ihm  seine ganze ethnologische und ethnografische Sammlung dem Museum übergibt. Dafür eine Ausstellung bekommt. Mitsprache hat an der Einrichtung der Ausstellung, er hat Einfluss auf die Möbelschreiner bezüglich der Vitrinen nehmen können und dann auch – mit Fischer mündlich abgesprochen  – drei Kataloge dazu nach seinem Entwurf.
Hartwig Fischer ging dann plötzlich nach Dresden. Die Schenkung da vollzogen, alles liegt jetzt in Essen, es gab auch eine prima Ausstellung, aber die Sachen liegen jetzt alle im Keller, sind nicht mehr zu sehen. Es hat nie einen einzelnen Katalog gegeben. Sehr schade für Essen, für uns.
Das könnte ja sein Vermächtnis sein.

Noch mal zurück, woher kam die Intuition nach Südamerika zu gehen, zum Orinoco. Lag die in der Lektüre von Claude Lévi-Strauss begründet?

Weniger. Es basiert mehr auf der Lektüre und den Leuten wie Georg Forster und Alexander von Humboldt, daann die Ethnographen und Ethnologen aus Deutschland, England und Italien. Das hat er alles studiert und das hat ihn fasziniert. Und auf der Grundlage, dass die dieses Andere beschrieben haben, hat er eigentlich seine Arbeit hier am Alt-Rhein gemacht. Und dann gab es irgendwann, ich denke, so Mitte 70er Jahre, als der Film so langsam fertig wurde, die Idee: Ich will dahin reisen. Ich will das sehen, ich will das überprüfen, ich will dieses Andere, Fremde, was ich jetzt über diese Beschreibungen dieser Reisenden mit wissenschaftlichem Auftrag kennengelernt habe, das will ich jetzt als Künstler selber sehen.
Er hat gleich auch gesehen: Das muss finanziert werden. Er hat gleich am Anfang gemerkt, du brauchst für so ein Gebiet beim Orinoco Genehmigungen, Visa, wenn du da einreisen willst mit Kamera und so weiter und länger bleiben willst. Da konnte man nicht einfach so als Touri mal eben vorbeischauen und natürlich hat er auch dauernd von Leuten hört: Da gibt es Schlangen, Krankheiten, da gibt es Krokodile. Und die haben Pfeile und Bogen und die mögen nicht alle. Die Stämme haben auch dauernd Krieg untereinander. Das ist da nicht das Paradies…
Ich weiß noch genau, wie ich hier in Düsseldorf im Spätsommer 1978 ankam und er seine Kisten packte. Dann gibt es ein Foto von Nic Tenwiggenhorn, wo man Lothar stehen sieht, mit seinen ganzen Kisten und irgendwie – ich konnte es immer noch nicht glauben, dass er abreist…Ich habe anfangs gedacht – vielleicht fährt der auch nur nach Caracas und vergnügt sich da mit ein paar braunen Damen und kommt nach einem Jahr wieder und hat irgendwo hundert Fotos gekauft, die irgendwer am Orinoco geknipst hat. Aber Lothar ist ja dann tatsächlich gefahren und hat dann wirklich lange erst mit dem Stamm gelebt, bevor er einmal die Kamera auspackte. Und man hat dann ja eigentlich erst spät die Filme gesehen. Ich erst in Essen. Er hatte vorher all die Fotos und Filme nicht entwickelt, in Blechbüchsen von einem Lufthansamenschen, den er kannte, immer von der Missionsstation von jemandem bis nach Caracas transportiert, dort abholte und nach Deutschland brachte. Er konnte nicht finanzieren, dass diese Filme entwickelt und geschnitten wurden.

Die Fotos konnte er entwickeln, nicht die Filme?

Ja. Die Filme lagen dann irgendwie bei Agfa auf dem Lager und als Agfa schon im Auflösen war, hat er endlich im Zusammenhang mit Essen, gerade noch im letzten Augenblick, viele Filme entwickeln und schneiden können.

Aber ist nicht die Geschichte so, dass Lothar Baumgarten nach einer Zeit bei den Ureinwohnern  schwer krank wurde, lebensgefährlich erkrankte und herausgeflogen werden musste und dies Filmmaterial noch weitere Jahre lang dort lag?

So wie ich es mitbekommen habe, war es so: das Fotomaterial ging immer raus, das Filmmaterial ist vielleicht auch noch bei Kai, einem Freund, Immigrant der 30er Jahre nach Südamerika, Familie verfolgt in Deutschland, mit dem er befreundet war in Caracas. Der hat sich um diese Dinge gekümmert, um die Filme, Lothar nach 18 Monaten so krank, dass die Schamanen nicht mehr helfen konnten und andere, die das beobachtet haben irgendwann die Reißleine zogen und ihn zur Missionsstation brachten. In Caracas kam er ins Militärkrankenhaus unter erbärmlichen Umständen und er merkte, er verreckt da. Und auch Kai und andere merkten, er verreckt da, das braucht andere. Er wurde dann nach Hamburg ausgeflogen, war erst im Tropeninstitut in Hamburg. Die waren sehr hilflos. Dann kam er hier in Düsseldorf an und meldete sich bei mir. Und dann ging er am nächsten Tag in die evangelische Klinik, EVK, und war dort auf Isolierstation. Dann hat er mir seine Krankenakte geben und ich habe die wiederum nach Kiel an die Universität, wo ich Leute kannte, gegeben und die haben mir dann aber rotes Licht gezeigt. Nix zu machen, wir wissen keine Therapie. Er hatte erst einmal verschiedene Malariaarten plus eine Hepatitis, plus alle möglichen Parasiten. Sie waren alle sehr hilflos. Die Leberwerte waren kaputt, die Blutwerte waren kaputt und ich besuchte ihn praktisch täglich im EVK und gab ihm etwas zu lesen, brachte ihm irgendwas durchs Fenster oben rein zum Essen, was er gerne wollte, was es dort nicht gab und irgendwann sagte er dann: „Es gibt nur noch eines, habe ich gelesen, Schafsläuse, kannst du Schafsläuse besorgen?“ Und dann bin ich losgetigert mit einem Menschen, den ich in der Kneipe ansprach, wo ich dachte, der ist robust und der kann ein Schaf auf den Rücken legen. Wie sind also ins Bergische Land gefahren, haben geguckt, wo Schafe sind, umgelegt und die Läuse eingesammelt, ab in ein Marmeladenglas. Lothar hat gesagt, ihr müsst die in Melabon-Kapseln tun. Dann haben wir Melabon-Kapseln aufgemacht, leer gemacht, und dafür die Schafsläuse rein. Ich habe das Muffensausen gekriegt, also habe ich einen Freund, Erich Steffens, eine Richter in Karlsruhe am Bundesgerichtshof angerufen, großer Kunstfreund: „Erich, was mach ich? Ich will nicht Mörder werden.“ Stefens riet mir, „verteil die Kapseln auf zehn Leute, die Tiere auch auf zehn Leute, die tun sie selber in die Kapseln und bringen sie hin und schmeißen sie ihm durchs Fenster. Wenn dann festgestellt wird, er hat irgendwas, dann gehst du nicht lang in den Knast.“ Und das hab ich dann auch gemacht, und dann war es aber auch so, dass das eigentlich nichts gebessert hat. Dann wurde er entlassen. Letzte Hoffnung war ein Doktor Bruker in Lahnstein, der eine anthroposophische Klinik hatte. Ich habe ihm dann eine Liste von Büchern aufgestellt, die er lesen wollte, alles für sein Bäume-Buch. Für sein erstes, quasi schriftliches Werk, dieses Buch Bäume. Da hat er ja eigene Fotografien, die er in Südamerika gemacht hatte, zusammen gebracht mit Texten der Ethnologen aus zwei Jahrhunderten, so eine Art Textcollage. Und das Material hab ich ihm dann immer über diese Bücher, immer fünf, sechs bestellt über Fernleihe an der Uni. Die nach Lahnstein geschickt im Paket zusammen mit ein paar leckeren Sachen zum Essen: eine Mango drin, ein paar Nüsse und so weiter und dann irgendwann bekam ich mein Rom-Stipendium und ging nach Rom. Lothar wurde dann in Lahnstein auf wundersame Weise geheilt entlassen. Was weiß ich, war es die Umstellung auf so eine anthroposophische Kost oder die menschlichen Zauberkräfte von dem Arzt, dieses Vertrauen in ihn, dieser Glaube, dass das richtig ist, immer diese Körnerkost und Vierkorn und…

Wann gingst du nach Rom?

B: Ich ging 1981 im Januar. In dem Frühjahr/Sommer 1981/82 muss er wieder entlassen worden sein. Er besuchte mich dann in Rom in der Villa Massimo zu Weihnachten 1981 und wir haben Sylvester dann zusammen in Rom verbracht und da war er schon wieder trinkfähig. Da hat er auch wieder schön Käse gegessen und Fisch und da war eigentlich alles in Ordnung und von da an war eigentlich alles in Ordnung bis vor fünf Jahren Symptome aufgetreten sind, wo die Ärzte erst sehr unschlüssig waren, was es ist und wo man immer dachte, diese Immunschwäche kommt wieder von diesen Parasiten, die er mal hatte. Sehr hilflos bei den Ärzten, bis man dann irgendwann halt feststellte, das sind Karzinome, das sind Zellveränderungen und so weiter. Aber diese Reise an den Orinoco und Amazonas, das war schon etwas, das er sich geleistet hat.

Fortsetzung folgt

Die aktuell so virulente Frage nach dem Blick der Europäer auf fremde Kulturen, trieb Lothar Baumgarten bereits zu Beginn seiner Karriere um. Baumgarten, 1944 in Brandenburg geboren, studierte Ende der 60er Jahre an den Kunstakademien von Karlsruhe und Düsseldorf, wo sein Lehrer Joseph Beuys wurde. Seine erste Einzelausstellung hatte er 1972 in der Galerie Konrad Fischer in Düsseldorf. 1978/79 hielt er sich achtzehn Monate lang bei zwei Stämmen der Yanomami im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet auf. Ton- und Videoaufnahmen, sowie Zeichnungen, Malerei und Fotoarbeiten aus dieser Zeit stellte er 2011/12 am Museum Folkwang in der 6-monatigen Ausstellung „Lothar Baumgarten Abend der Zeit- Señores Naturales Yanomami“ vor. Seine ethnografische Sammlung samt Film und Fotodokumentationen ging als Schenkung in den Besitz der Stiftung Folkwang über.

Die Ergebnisse seiner alternativen Ethnografie gingen auch in seine Bodenarbeit für den deutschen Pavillon der Venedig Biennale 1984 ein, eine begehbare Topografie, für die er den Goldenen Löwen erhielt.

Baumgartens Konzeptkunst erstreckt sich auf Formen der Geschichtsschreibung oder markiert dunkle und verdrängte Kapitel der Geschichte. In Münster erinnern seit den Skulptur Projekten 1987 „Drei Irrlichter“, drei Glühbirnen hoch oben am Kirchturm des Doms, an christliche Reformatoren, deren Anführer 1535 grausam hingerichtet wurden. Ein Mahnmal für den Umgang mit Andersgläubigen. Am vergangenen Sonntag ist der vierfache Documenta-Teilnehmer nach langem Leiden in Berlin gestorben.

In Düsseldorf, wo Baumgarten bis zuletzt ein Atelier (Sittharder Straße) unterhielt, ist nicht viel von diesem großen Reisenden und Künstler geblieben. Keine Ausstellung, keine einzige Arbeit je in einem der Museen. In der Kunsthalle erinnert jetzt im Eingang ein Foto (und zwei Rittersterne) an diesen wundervollen Künstler.