Säuglingsernährung - Experten streiten über Stillzeit

Von Cinthia Briseño

(lifePR) ( Karlsruhe, )
Wie lange ein Säugling idealerweise zu stillen ist, gehört zu den Kernfragen bei der Geburt eines Kindes. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Zeitraum von sechs Monaten. Davor warnen jetzt britische Forscher - und stürzen Mütter in Verwirrung.

Wie lange soll ich mein Kind stillen? Schwangere, die nicht sofort zu Milchpulver und Fläschchen greifen wollen, stehen unweigerlich vor dieser Frage - in Deutschland sind das gut 90 Prozent aller werdenden Mütter.

Wer sich mit dieser Frage an die Weltgesundheitsorganisation WHO wendet, erhält von ihr eine Empfehlung: Sechs Monate soll man das Neugeborene ausschließlich stillen, also auf jeglichen Brei und Pulvermilch verzichten. Das sei das Beste für das Kind, beuge Infektionsrisiken und Wachstumsproblemen vor. Dieser Empfehlung folgen 65 Prozent der EU-Staaten.

Britische Forscher stellen diese Empfehlung jetzt in Zweifel. Im "British Medical Journal" haben Mary Fewtrell vom University College in London und ihre Kollegen eine Analyse veröffentlicht, der zufolge die bisherige Beweislage für die Empfehlung nicht ausreicht. Es sei an der Zeit, die derzeit gültige Empfehlung neu zu bewerten, schreiben die Kinderärzte.

Stattdessen empfehlen die Forscher nach Auswertung der bekannten Daten, dass zumindest in den Industriestaaten Babys vom vierten Monat an neben der Muttermilch mit anderen Nahrungsmitteln gefüttert werden sollen. Das Forscherteam analysierte eine Reihe aktueller Studien zu dem Thema und kommt zu dem Schluss: Babys, die länger voll gestillt werden, könnten unter Allergien und Eisenmangel leiden. Ein weiteres Argument der Autoren ist, dass die frühere Beikost und damit die Erfahrung neuer Geschmacksrichtungen Babys besser auf Lebensmittel wie etwa Gemüse vorbereiten könne.

Nur in wenig entwickelten Ländern ist Muttermilch alternativlos

Für weniger entwickelte Länder gelte die Empfehlung dagegen nicht, schreiben die Wissenschaftler. Denn dort biete die Nahrung mit Muttermilch die beste Vorsorge, um Krankheiten aus verunreinigtem Wasser und Lebensmitteln vorzubeugen.

Die Empfehlung der WHO basiert im Wesentlichen auf einer systematischen Auswertung mehrerer Studien, die im Jahr 2000 dazu durchgeführt wurden. Bereits zuvor wurde auch in Deutschland eine Studie im Namen des Bundesministeriums für Gesundheit in Auftrag gegeben. Sie beschäftigte sich erstmals mit der Situation des Stillens und der Säuglingsernährung im ersten Lebensjahr. Fast eineinhalb Jahre lang wurden rund 1700 Frauen in 177 deutschen Geburtskliniken telefonisch zu ihrem Stillverhalten befragt.

Ergebnis: In der Geburtsklinik begannen 91 Prozent der Mütter zu stillen. Bei der Entlassung aus der Klinik, im Durchschnitt fünf Tage nach der Geburt, stillten noch 86 Prozent der Mütter. "SuSe" ("Stillen und Säuglingsnahrung") heißt die Studie, deren Daten 1997 und 1998 erhoben wurden. Wie lange Mütter ihr Kind insgesamt ausschließlich mit Muttermilch versorgen, wurde darin nicht untersucht.

Allerdings: Von jenen Müttern, die nach der Geburt mit dem Stillen begannen, erreichte nur etwa die Hälfte von ihnen eine Stilldauer von vier Monaten. Der Rest der Frauen fütterte die Neugeborenen zwar mit eigener Milch, zusätzlich aber auch mit anderen Flüssigkeiten oder Säuglingsanfangsnahrung. Nach vier Monaten bekamen nur noch 33 Prozent der Babys ausschließlich Muttermilch, nach einem halben Jahr war der Anteil auf zehn Prozent gesunken.

Auch in Großbritannien, das zeigte eine Studie aus dem Jahr 2005, würde nur ein Prozent der Mütter der Sechs-Monate-Empfehlung der WHO überhaupt folgen. Wozu also die Warnungen von Fewtrell und seinen Kollegen? Diese haben eine Veränderung im Stillverhalten beobachtet: Es gebe Belege für einen rasanten Trend, dass sich die Zufütterung immer weiter nach hinten verschiebe, berichten die Ärzte.

Profit der Babynahrungsindustrie?

Andere Experten hegen gehörige Zweifel an der Studie und den Schlussfolgerungen der Mediziner. Janet Fyle von der britischen Hebammen-Vereinigung etwa sagte dem Sender BBC, die Stillempfehlung auf vier Monate zu beschränken, wäre ein "Rückschritt" - und spielte den "Herstellern von Babynahrung in die Hände" - drei der vier Studienautoren haben bereits als Berater für die Babynahrungsmittelindustrie gearbeitet oder Forschungsgelder von ihr erhalten. Auch das britische Gesundheitsministerium bekräftigte, Babys bis zum sechsten Monat erhielten alle für sie notwendigen Nährstoffe aus der Muttermilch.

Ähnlich sieht das auch die deutsche Stillkommission. Sie folgt der sechsmonatigen Empfehlung der WHO nicht ganz stringent. In einem Beitrag aus dem Fachblatt "Kinderheilkunde" aus dem Jahr 2010, an dem die Stillkommission beteiligt war heißt es: "Im ersten Lebenshalbjahr sollten Säuglinge gestillt werden, mindestens bis zum Beginn des fünften Monats ausschließlich. Das gilt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko." Wohl gemerkt, geht es um Zufütterung und nicht um das Abstillen, also eine langsame Verminderung der Muttermilchmengen. Weiter, schreiben die Autoren: "Auch nach Einführung der Beikost - spätestens mit Beginn des zweiten Lebenshalbjahres - sollten Säuglinge weiter gestillt werden. Die Stilldauer insgesamt bestimmen Mutter und Kind."

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE erklärt die Stillkommission zudem, dass gegen die Empfehlungen der WHO allgemein gesehen nichts spreche. Man müsse aber sowieso im Einzelfall entscheiden. Kinder etwa, die schon im Säuglingsalter unter Eisenmangel litten, kämen an einer Beikost zu einem früheren Zeitpunkt wahrscheinlich nicht vorbei.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,739537,00.html
Mit Material von AFP
Für die oben stehenden Pressemitteilungen, das angezeigte Event bzw. das Stellenangebot sowie für das angezeigte Bild- und Tonmaterial ist allein der jeweils angegebene Herausgeber (siehe Firmeninfo bei Klick auf Bild/Meldungstitel oder Firmeninfo rechte Spalte) verantwortlich. Dieser ist in der Regel auch Urheber der Pressetexte sowie der angehängten Bild-, Ton- und Informationsmaterialien.
Die Nutzung von hier veröffentlichten Informationen zur Eigeninformation und redaktionellen Weiterverarbeitung ist in der Regel kostenfrei. Bitte klären Sie vor einer Weiterverwendung urheberrechtliche Fragen mit dem angegebenen Herausgeber. Bei Veröffentlichung senden Sie bitte ein Belegexemplar an service@lifepr.de.