Sonntag, 24. September 2017


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Vor dem G20-Gipfel: Wachsender Protektionismus gefährdet die Agenda 2030 der Vereinten Nationen

Gütersloh, (lifePR) - Vor zwei Jahren verpflichteten sich alle UN-Mitgliedsstaaten in New York, zu einer besseren ökonomischen, ökologischen und sozialen Entwicklung beizutragen. Diese Agenda 2030 nimmt sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer in die Pflicht. Doch der Geist der Zusammenarbeit ist mittlerweile verflogen. Nationale Egoismen und mangelndes Engagement der Industriestaaten drohen, die Umsetzung der globalen Ziele zu gefährden.   

Die Agenda 2030 wackelt: Die Autoren des aktuellen SDG-Index, der jährlich die Umsetzung der globalen Entwicklungsziele der Vereinten Natio­nen (Sustainable Development Goals, SDGs) misst, fordern von den G20-Staaten ein klares Bekenntnis zur Umsetzung der Agenda 2030. Sie kritisieren vor allem den wachsenden Pro­tektionismus und Nationalismus, der die UN-Ziele gefährdet. Kritisch sehen sie auch die Rolle der Industrieländer: Zum einen hinken die meisten OECD-Staaten bei der Erfüllung der Ziele im eigenen Land hinterher. Zum anderen verursachen Industrieländer durch ihr ressourcenin­tensives Konsumverhalten, unzureichende Finanzierung der Entwicklungshilfe oder den Schutz von Steueroasen häufig Kosten für Entwicklungs- und Schwellenländer. Dadurch er­schweren sie ärmeren Staaten, die ambitionierten Ziele bis 2030 zu erreichen.  

Der aktuelle SDG-Index vergleicht 157 Staaten und wurde von der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Sustainable Development Solutions Network (SDSN) erarbeitet. Die Länder, die die Vorgaben am ehesten erfüllen, sind die skandinavischen Staaten: Schweden rangiert auf Platz eins, gefolgt von Dänemark und Finnland. Die Werte für die USA (42. Platz) und China (71. Platz) verdeutlichen, dass auch die größten Volkswirtschaften noch aufholen müssen. Am weitesten von der Umsetzung entfernt sind afrikanische Staaten wie die Zentral­afrikanische Republik, Tschad oder die Demokratische Republik Kongo.  

Industrieländer werden Vorbildrolle nicht gerecht

Die Autoren kritisieren vor allem die Rolle der Industrieländer. Diese sind trotz ihres Reich­tums und ihrer technologischen Entwicklung in den meisten Fällen noch deutlich von den Zie­len entfernt. Gleichzeitig gehören sie auch zu den größten Kostenverursachern. Soziale, öko­nomische oder ökologische Kosten für Drittstaaten entstehen nicht nur durch das Konsum­verhalten reicher Staaten, die häufig verschwenderisch mit natürlichen Ressourcen umgehen, sondern auch durch Waffenexporte, den Schutz von Steueroasen oder mangelnde Finanzie­rung der Entwicklungszusammenarbeit. Am deutlichsten wird diese negative Rolle am Beispiel von Waffenexporten, die Konflikte in Krisenregionen verstärken können. Israel, Russland und Norwegen gehören zu den größten Waffenexporteuren, aber auch die USA, Frankreich oder Deutschland fallen unter die zehn größten Verkäufer weltweit.  

Auch die internationale Finanzarchitektur hat negative Auswirkungen. Gelder, die aus Staats­kassen von Entwicklungsländern in westliche Steueroasen fließen, fehlen in den Herkunfts­ländern teilweise für öffentliche Investitionen. Großbritannien verursacht laut Index die meis­ten Kosten durch den Schutz von Steueroasen. Die Schweiz hingegen ist der negative Spit­zenreiter bei der Intransparenz von Finanzgeschäften, die zum Beispiel Schwarzkonten er­möglichen. Ein weiteres Zeichen für negative Effekte ist die mangelnde Finanzierung der in­ternationalen Entwicklungszusammenarbeit. Lediglich sechs Länder der OECD (Schweden, Norwegen, Luxemburg, Dänemark, die Niederlande und Großbritannien) stellen gegenwärtig die von den Vereinten Nationen geforderten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe zur Verfügung. Wenn sich diese Effekte infolge zunehmender nationaler Egoismen noch steigern würden, wäre die Agenda 2030 laut Autoren nicht mehr umzusetzen.  

„Protektionismus ist eine Einbahnstraße, die uns nicht zur Umsetzung der Agenda 2030, son­dern zurück ins Jahr 1930 bringen könnte. Die G20-Staaten sollten in Hamburg ein klares Zeichen für die globalen Ziele und gegen nationale Egoismen setzen“, so Aart De Geus, Vor­standsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung. Jeffrey Sachs, Direktor des SDSN-Netzwerks und UN-Sonderberater, ergänzt: „Der SDG-Index verdeutlicht, dass alle Länder bei der Um­setzung der Ziele gefordert sind. Alle Staaten sollten die Ziele in ihrer nationalen Politik ver­ankern und ihrer Verantwortung gegenüber der Weltgemeinschaft gerecht werden.“  

Deutschland unter den Top Ten

Deutschland belegt im weltweiten Ranking den sechsten Platz und ist damit neben Frankreich das einzige Land der G7-Gruppe in den Top Ten. Vor allem in den Bereichen Bildung und Inf­rastruktur punkten die Deutschen. Im Bildungsbereich liegt Deutschland auf dem dritten Platz hinter Großbritannien und Kanada. Das gute Abschneiden geht vor allem auf die lang­jährige und nahezu universelle Schulbildung und eine niedrige Analphabetenrate zurück. Bei Infrastruktur und Industrie punktet Deutschland vor allem durch gut ausgebaute Transport­wege oder auch die Anmeldequote von Patenten. Hierzulande werden pro einer Million Ein­wohner rund 69 Patente angemeldet. In den USA sind es hingegen rund 45.  

Doch es gibt auch Nachholbedarf: Die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen be­trägt in Deutschland 17 Prozent. In Belgien hingegen, dem Spitzenreiter in dieser Kategorie, sind es nur 3,2 Prozent. Auch in Bezug auf negative Effekte für Drittländer gibt es noch Haus­aufgaben. Deutschland gehört mit einem Volumen von rund 97 Millionen Dollar je 100.000 Einwohnern zu den zehn größten Waffenexporteuren der Welt. Gleichzeitig zahlt Berlin nur 0,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in die Entwicklungshilfe ein. Ebenfalls Nachholbedarf gibt es im Bereich verantwortungsvoller Konsum und Produktion. Hier wirkt sich die Müllpro­duktion, wie in den meisten OECD-Ländern, negativ auf das Ergebnis aus.  

Die ärmste Region der Welt, die Länder südlich der Sahara, sind erwartungsgemäß noch am weitesten von den Vorgaben entfernt. Im Gegenzug schneiden die afrikanischen Länder gera­de in einem Bereich vergleichsweise gut ab, in dem die Industriestaaten Schwächen zeigen: Konsum und Produktion. Afrikanische Länder wie Burundi, Kongo oder Malawi produzieren im Schnitt nur 0,2 Kilogramm Elektroschrott pro Person. In den OECD-Ländern sind es durch­schnittlich 18 Kilogramm.  

Zusatzinformationen

Der SDG-Index wird seit 2015 von der Bertelsmann Stiftung und seit 2016 gemeinsam mit dem Sustainable Development Solutions Network (SDSN) erstellt. Der Index erlaubt anhand von Länderprofilen und einem Ampelsystem den Vergleich von 157 Staaten. Die Konzeption und Auswahl der Indikatoren beruht auf vorhandenen statistischen Länderwerten und findet in Zusammenarbeit mit dem SDSN statt. Das SDSN ist ein Zusammenschluss von Forschungseinrichtungen zur Begleitung der globalen UN-Entwicklungsziele. Diese bestehen aus 17 übergeordneten Zielen und 169 Unterpunkten, die entlang sozialer, ökonomischer und ökologischer Dimensio­nen konzipiert sind.

Bertelsmann Stiftung

Die Bertelsmann Stiftung setzt sich für eine gerechte Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben ein. Sie will Bildung verbessern, Demokratie gestalten, Gesellschaft entwickeln, Gesundheit aktivieren, Kultur leben und Wirtschaft stärken. Durch ihr Engagement möchte sie alle Bürgerinnen und Bürger ermutigen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Die gemeinnützige Stiftung wurde 1977 von Reinhard Mohn gegründet.

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