Freitag, 30. September 2016


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Umweltpolitik gestern, heute und morgen

(lifePR) (Berlin, ) "Die Vergangenheit ist nicht mehr gestaltbar - es geht um die Zukunft" - Unter diesem Motto diskutierten Experten aus Verbänden, Medien und Verwaltung bei den 19. Benediktbeurer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung über die deutsche Umweltpolitik der letzten 25 Jahre und deren zukünftige Herausforderungen. Bereits am Vorabend des Symposiums hatte die Bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf der Stiftung in einem Festvortrag zu ihrem 25-jährigen Bestehen gratuliert.

25 Jahre Allianz Umweltstiftung - 25 Jahre Umweltpolitik in Deutschland

"Die Allianz Umweltstiftung wurde 1990 anlässlich des 100. Jubiläums der Allianz AG ins Leben gerufen und feiert demzufolge in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag." Mit diesen Worten begrüßte Prof. Dieter Stolte, Kuratoriumsvorsitzender der Allianz Umweltstiftung, am Donnerstag den 30. April etwa 300 Gäste im Allianz Saal des alt-ehrwürdige Klosters Benediktbeuern in Oberbayern. Und da Jubiläen nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch zum Innehalten und Zurückblicken seien, haben man in diesem Kontext auch das Thema der diesjährigen Benediktbeurer Gespräche formuliert, so Prof. Stolte.

"Die Vergangenheit ist nicht mehr gestaltbar - es geht um die Zukunft. Umweltpolitik in Deutschland 1990 - 2015: Bilanz und Ausblick", zu diesem Thema diskutierten anschließend Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland, Prof. Dr. Matthias Freude, Präsident des Landesamtes für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg sowie Volker Angres, ZDF-Ressortleiter Umwelt, unter der Leitung von Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung, wie sich die Umweltpolitik in den letzten 25 Jahren verändert hat, welche Ziele erreicht, welche verfehlt wurden und wo die zukünftigen Herausforderungen liegen.

Deutschland als globaler Musterschüler im Umweltschutz?

Bereits 1999 habe die Stiftung bei den Benediktbeurer Gesprächen über bestehende und kommende Herausforderungen der Umweltpolitik diskutiert, so Spandau in seiner Einführung. "Zwischen Konfrontation und Konsens - Wie zukunftsfähig ist der Umweltschutz" lautete damals das Thema. Seitdem habe sich vor allem eines geändert: "Mittlerweile halten wir Deutschen uns nicht nur für die globalen Musterschüler der Umweltpolitik, wir haben auch mental einen Haken unter die Umweltpolitik insgesamt gemacht. So als habe die Ausrufung der Energiewende sämtliche ökologischen Probleme gelöst," diagnostizierte Spandau.

Dabei gäbe es sowohl in Deutschland wie im Rest der Welt noch genügend Umweltprobleme: Die Überfischung der Meere und die ökologischen Auswirkungen von Megacities seien ebenso ungelöst wie die speziell in den Industrieländern von der Landwirtschaft verursachten ökologischen Probleme oder die weltweit aus Armut resultierenden Umweltschäden.

"Wahltermine in der Politik oder Quartalszahlen in der Wirtschaft begünstigen die Konzentration auf kurzfristige Politikmuster und benachteiligen Themen, bei denen die Auswirkungen politischer Entscheidungen viele Jahre oder Jahrzehnte in die Zukunft reichen", sagte Spandau. Wie könne demnach eine moderne, zukunftsgerichtete Umweltpolitik gestaltet werden? Antworten auf diese Frage gaben dann die eingeladenen Referenten aus ihrer jeweils eigenen Sichtweise.

Nachhaltigkeit als Leitbild

Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, gab zu Beginn seiner Ausführungen eine kurzen Rückblick auf die Entwicklung der Umweltpolitik in Deutschland. Mit 1970 als Startjahr habe sich die Entwicklung in mehreren Etappen vollzogen. Von zunächst reiner Naturschutzpolitik über die Weiterentwicklung des Naturschutzdenkens zur Ökologie und die Einbeziehung des technischen Umweltschutzes sei das Thema inzwischen in viele andere Fachbereiche integriert.

Unsere heutige Art zu leben bezeichnete Glück als nicht zukunftsfähig. Deshalb seien andere Leitbilder als die unserer Wachstums- und Konsumgesellschaft nötig. Sein Vorschlag: "Das Leitbild für den notwendigen Fortschritt für morgen, für den Weg zu einer zukunftsfähigen Lebenskultur heißt Nachhaltigkeit." Und da es als ganzheitliches Prinzip auch in anderen Kulturen und Religionen beheimatet sei, wäre das Leitbild Nachhaltigkeit auch globalisierungstauglich, so Glück.

Allerdings verlange dieser Weg die Bereitschaft zur Veränderung, brauche Innovationskraft und tatkräftiges Handeln ebenso, wie die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung. Glück zum Abschluss seiner Ausführungen: "Die Zukunft der modernen Welt wird sich möglicherweise, ja ich glaube wahrscheinlich, in dem Spannungsfeld von Fähigkeit zur Innovation und Fähigkeit zur Selbstbegrenzung entscheiden."

Sehnsucht und soziale Netzwerke

Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland, startete seine Ausführungen mit dem WWF-Kurzfilm "We are connected", in dem die Abhängigkeit des Menschen von seiner natürlichen Umgebung dargestellt wird. Nach Brandes' Worten ist die Erde aktuell 1,5-fach übernutzt, allein Deutschland verbrauche 2,5-mal so viel Ressourcen, wie ihm ohne Schädigung der natürlichen Lebensgrundlagen zur Verfügung stünden.

In Sachen Umweltpolitik sieht Brandes kein Konzept-, sondern eher ein Implementierungsproblem. Die Maßnahmen, die zur Lösung der weltweit drängenden Umweltprobleme ergriffen werden müssten, seien bekannt, lediglich die Umsetzung scheitere aus unterschiedlichsten Gründen. Entscheidend sei aus seiner Sicht das Aufwachsen der nächsten Generation. "Wir müssen die abholen, die Umweltschutz nicht auf dem Schirm haben und mit positiven Beispielen werben" lautete dazu sein Ratschlag.

Dabei könne man sich zwei Faktoren zunutze machen: Zum einen die durch Umfragen belegte tiefe Sehnsucht der Menschen unserer heutigen Gesellschaft nach unberührter Natur. Zum anderen böten soziale Netzwerke die Möglichkeiten, viele, vor allem junge Menschen gleichzeitig anzusprechen. Beides nutzt der Kurzfilm der neuen WWF-Kampagne "1-am-nature", den Brandes zum Abschluss vorführte.

Hier der Link zum Kurzfilm: www.iamnature.wwf.de

Licht und Schatten

Prof. Dr. Matthias Freude, Präsident des Landesamtes für Ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Flurneuordnung Brandenburg, konzentrierte sich in seinen Ausführungen vor allem auf die Situation geschützter Tierarten in seinem Bundesland. "Naturschutz schafft und erhält Werte", so lautet nach seinen Worten die Bilanz der Großschutzgebiete Brandenburgs. Ein Nationalpark, drei Biosphärenreservate und elf Naturparks hätten sowohl einen positiven Einfluss auf geschützte Tier- und Pflanzenarten wie auch auf die Zahl der Arbeitsplätze in den jeweiligen Regionen.

Besonders "Top-Zwölf-Vogelarten", wie zum Beispiel Wachtelkönig, Seeadler oder Kranich, profitierten von der Ausweisung ihrer Lebensräume als Schutzgebiete. Unbemerkt davon habe sich allerdings außerhalb der Schutzgebiete ein teilweise dramatischer Rückgang anderer Arten, wie etwa des großen Brachvogels, der Uferschnepfe oder des Rebhuhns ereignet. Hauptursachen dafür seien die Trockenlegung der Landschaft und die Nährstoffanreicherung in der Landschaft. Insgesamt gäbe es also "Licht und Schatten."

Wie sein Vorredner sieht auch Prof. Freude vor allem ein Umsetzungsproblem und rät den Umwelt- und Naturschützern, Synergieeffekte mit anderen Bereichen wie zum Beispiel der Wasserwirtschaft bzw. den Wasser- und Bodenverbänden zu suchen.

Kaum Neues seit 1999

Der Journalist Volker Angres, Leiter der ZDF Umwelt-Redaktion, hatte bereits 1999 als Referent an den Benediktbeurer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung teilgenommen. Seitdem hat sich nach seinen Worten aber wenig geändert. Immer noch bestünden - je nach Sichtweise - unterschiedliche Bewertungen der Wirksamkeit von Umweltpolitik. Während Politiker auf zahlreiche Verordnungen, Vorschriften und Gesetze zum Schutz der Umwelt sowie rückläufige Zahlen bei Schadstoffen verwiesen, beanstandeten Umweltschützer zahlreiche Problemfelder, wie zum Beispiel die industrielle Landwirtschaft, den Verlust von Feuchtflächen und Mooren oder die Begradigung von Flüssen sowie den damit einhergehenden Verlust natürlicher Lebensräume.

Wirkliche Fortschritte in der Umweltpolitik lassen sich nach Angres' Ansicht nur mit strengen Gesetzen erreichen. "Freiwillige Selbstverpflichtungen hören sich zwar gut an, nur strenge Gesetze aber bringen die gewünschte Wirkung," sagte Angres und belegte dies mit der Einführung des Katalysators. Die zunächst von der Politik angeregte freiwillige Selbstverpflichtung habe zu keinem Ergebnis geführt. Erst nach entsprechenden gesetzlichen Vorgaben erfolgte die breite Markteinführung. Ähnliches befürchtet Angres nun bei der Einführung von Elektroautos.

Sowohl als auch

In der abschließenden Diskussion erinnerte Alois Glück daran, dass Neues oft mit dem Engagement und den Aktivitäten von "Außenseitern und Andersdenkenden" beginne. Deshalb, so seine Schlussfolgerung, benötigten auch diese "unbequemen Gruppen" ihren Platz in der Gesellschaft. Volker Angres verwies in Sachen Kommunikation von Umweltthemen auf die Zwickmühle zwischen dem "auf die Pauke hauen" und der Kooperation. Einerseits benötigten gerade spendenfinanzierte Umweltverbände klare Feindbilder wie etwa große Unternehmen, andererseits ließen sich durch die Zusammenarbeit mit diesen Unternehmen aber viel größere Erfolge in Sachen Umweltschutz erzielen, als durch reine Opposition.

Insgesamt herrschte Einigkeit, dass bisherige Fortschritte in der Umweltpolitik oft erst im Nachgang zu einschneidenden Ereignissen wie etwa den Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima erzielt worden seien. Dies sei leider auch für die Zukunft zu erwarten. Deshalb dürfe aber nicht darauf verzichtet werden, immer wieder gelungene Beispiele im Umweltschutz aufzuzeigen und der Gesellschaft so ein positives Leitbild der zukünftigen Entwicklung aufzuzeigen. In jedem Fall sei aber ein langer Atem nötig.

Lob von der Bayerischen Umweltministerin

Offiziell begonnen hatten die Benediktbeurer Gespräche am Mittwochabend. Die bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf würdigte dabei in einer Festansprache die Arbeit der Allianz Umweltstiftung. "Wir sind heilfroh, dass wir Stiftungen wie Sie haben", sagte die Politikerin vor rund 350 geladenen Gästen. Die Arbeit der Stiftung sowohl in Bayern als auch in Deutschland sei "Gold wert". Mit Blick auf das Thema des Symposiums dürfe es nach Ansicht der Umweltministerin kein "weiter so wie bisher" geben. "Wir müssen umdenken und die Bürger bei den Entscheidungen mitnehmen", forderte sie und plädierte für ein smartes Wachstum, wozu allerdings ein langer Atem nötig sei.

Für den musikalischen Abschluss des Abends sorgte die Band "Pitu Pati", die unter dem Titel "Eine Weltmusik" Lieder aus brasilianischen Bars und französischen Bistros mit Melodien aus Wiener Kaffeehäusern sowie heimischen Klängen aus der Alpenregion mischte.
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