Mittwoch, 07. Dezember 2016


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24 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl: Der nächste GAU wird immer wahrscheinlicher

Umweltinstitut München warnt vor Laufzeitverlängerungen für AKWs

(lifePR) (München, ) Die Energiekonzepte der Bundesregierung verheißen nichts Gutes. Die Koalition diskutiert Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke von bis zu 28 Jahren. Dass damit auch das Risiko eines Unfalls steigt, wird ausgeklammert. Das Umweltinstitut München weist zum 24. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl auf eine Reihe ernsthafter Unfälle hin, die nur einen Schluss zulassen: AKWs abschalten, bevor der nächste GAU kommt.

"Wir haben in der Vergangenheit oft einfach nur Glück gehabt", sagt Christina Hacker, Vorstand im Umweltinstitut München. Die Geschichte der Atomenergie beweist, dass schwere Störfälle in Atomanlagen nie ausgeschlossen werden können. So wurden beispielsweise Unfälle mit radioaktiver Freisetzung größeren Ausmaßes in den 1950er Jahren in den Atomanlagen Majak in der ehemaligen Sowjetunion oder in Windscale in Großbritannien über viele Jahre vertuscht und nach bekannt werden heruntergespielt. "Nicht von ungefähr wurde nach dem Unfall die havarierte Atomanlage Windscale ins heutige unverdächtige Sellafield umbenannt", so Hacker. Erst die Atomunfälle im US-amerikanischen Harrisburg 1979 und vor allem in Tschernobyl 1986 haben die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Seit diesem Zeitpunkt stagniert der weitere Ausbau der zivil genutzten Atomenergie - bis heute.

Knapp ein Drittel aller AKWs sind inzwischen älter als 30 Jahre und damit veraltet. "Alterung bedeutet Abnutzung der Materialien", erklärt Karin Wurzbacher, Physikerin am Umweltinstitut München. Hohe Temperaturen, starke mechanische Belastungen und die ständige Neutronenbestrahlung aus der Kernspaltung wirken auf sicherheitstechnische Bauteile ein. Korrosion, Versprödung, Rissbildung an Oberflächen, an Schweißnähten auch bei zentralen Komponenten sind in der Vergangenheit immer wieder aufgetreten. "Wer heute über eine Laufzeitverlängerung von bis zu 60 Jahren nachdenkt, muss damit rechnen, dass sich diese Aspekte verstärken und das Unfallrisiko steigt", so Wurzbacher.

Die Atomlobby beteuert immer wieder, dass in westlichen Reaktoren ein Unfall wie in Tschernobyl nicht passieren könne. Doch zum einen sind in Russland auch heute noch 15 AKWs in Betrieb, die bauähnlich mit dem Tschernobyl-Reaktor sind. Und zum anderen hat es in AKWs westlichen Standards auch in jüngerer Vergangenheit eine Reihe von Vorfällen mit Katastrophenpotenzial gegeben:

- zu niedrige Bor-Konzentration im Notkühlsystem des deutschen Reaktors Philippsburg 2 (August 2001)
- schwere Wasserstoffexplosion in einem Rohr des deutschen Siedewasserreaktors Brunsbüttel unmittelbar neben dem Reaktordruckbehälter (Dezember 2001)
- lange unbemerkt gebliebene Korrosion am Reaktordruckbehälter des US-Meilers Davis Besse - nur noch die dünne Edelstahlauskleidung des Reaktorkessels verhinderte ein massives Leck (März 2002)
- über 25 Jahre Manipulationen an sicherheitsrelevanten Daten beim japanischen Betreiber Tepco (Enthüllung August 2002)
- Überhitzung von 30 Brennelementen im ungarischen Atomkraftwerks Paks, Freisetzung von Radioaktivität (April 2003)
- während des Herunterfahrens des bulgarischen WWER-Reaktors Kosloduy-5 bleiben Steuerelemente in der oberen Position hängen (März 2005)
- externer Kurzschluss und Versagen von Notstromdieseln im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark, Kernschmelzunfall durch Eingreifen eines Mitarbeiters verhindert (Juli 2006)
- infolge eines Trafobrands misslingt im deutschen Reaktor Krümmel eine geregelte Schnellabschaltung; in der Folge fällt die interne Notstromversorgung aus (Juni 2007)
- starkes Erdbeben in Japan, Transformatorbrand und Freisetzung von Radioaktivität über die Pfade Luft und Wasser beim Atomkraftwerk Kashiwazaki-Kariwa (Juli 2007)

Darüber hinaus gab es eine Reihe schwerwiegender Unfälle in der Geschichte der Atomindustrie:

- Windscale, Großbritannien, Oktober 1957 Tagelanges Reaktorfeuer, radioaktive Wolke gelangt bis Nordeuropa
- Majak Winter 1957/58 Unfall im Ural, Sowjetunion, mehrere 100 Tote durch Verstrahlung, radioaktive Belastung der Umgebung doppelt so hoch wie beim Tschernobyl-Unfall
- Idaho, USA, Januar 1961 Kritikalitätsunfall mit Dampfexplosion, drei Tote, schwerwiegende Freisetzung von Radioaktivität
- Monroe bei Detroit, USA, Oktober 1966 Ausfall des Kühlsystems, partielle Kernschmelze
- Leningrad, Sowjetunion, Februar 1974 Bruch des Wärmetauschers aufgrund siedenden Wassers, drei Menschen starben, radioaktiver Filterschlamm gelangt in die Umwelt
- Harrisburg, USA, März 1979 Schwerster Atomunfall der USA, Teilkernschmelze, Evakuierung der Umgebung, Freisetzung von Radioaktivität
- Saint Laurent, Frankreich, Januar 1980 Riss in einer Leitung und Teilschmelze einiger Brennelemente, Austritt von Radioaktivität
- Tschernobyl, Ukraine, April 1986 Schwerster Unfall weltweit, Explosion des Reaktors nach misslungenem Experiment, Zahl der Toten ist bis heute umstritten, weiträumige radioaktive Belastung
- Tokaimura, Japan, März 1997 Explosion, 35 Arbeiter erhöhter Strahlung ausgesetzt
- Tokaimura, Japan, September 1999 Kritikalitätsunfall durch unsachgemäße Handhabung eines Urangemischs, 600 Menschen erhöhter Strahlung ausgesetzt, zwei Tote
- Tokyo, Japan, August 2004 Unfall, vier Tote durch Austritt von heißem Dampf

Solange Atomanlagen betrieben werden, wird es das "Restrisiko" geben. Die Möglichkeit eines zukünftigen schweren Unfalls vergrößert sich mit jedem Tag. Deshalb darf es keine Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke geben. Als so genannte Brückentechnologie taugen sie ohnehin nicht. Im Gegenteil: Atomkraftwerke blockieren den zügigen Ausbau der Erneuerbaren Energien.

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