Samstag, 10. Dezember 2016


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Antragsverfahren als Hürde

Pflegende Angehörige und Rehabilitation

(lifePR) (Berlin/ Düsseldorf, ) Pflegende Angehörige sind oft bis zur Erschöpfung im Einsatz, um ihre pflegebedürftigen Eltern, Partner oder Kinder zu umsorgen. In einer Rehabilitation könnte sie wieder zu neuen Kräften kommen, doch oftmals scheitern sie bereits im Antragsverfahren. Darauf macht jetzt ein Gutachten des BQS-Instituts für Qualität und Patientensicherheit aufmerksam.

"Für die pflegenden Angehörigen sind die Zugangswege zu einer Rehabilitation bislang nicht ausreichend etabliert. Ihr Reha-Bedarf dringt bislang nicht bis zu den Kliniken durch", sagt Dr. Dagmar Hertle, Ärztin am BQS-Institut für Qualität und Patientensicherheit in Düsseldorf.

Das BQS-Institut hatte im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) untersucht, in wie weit sich die Angebotsstrukturen in der Rehabilitation bereits auf pflegende Angehörige als Zielgruppe eingerichtet haben. Schließlich sollte das Pflege-Neu-Ausrichtungsgesetz (PNG), das 2012 in Kraft trat, den pflegenden Angehörigen den Weg in eine stationäre Rehabilitation deutlich erleichtern und ihnen vor allem ermöglichen, ihre pflegebedürftigen Eltern, Partner oder Kinder in die Rehabilitation mitzunehmen. Zudem sollten die "besonderen Belange pflegender Angehöriger" bei der Beurteilung eines Antrags besonders berücksichtigt werden. Die Ergebnisse der Studie waren auch Thema auf dem 24. Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquium, dem größten deutschen Reha-Forschungskongress, und stießen dort auf großes Interesse.

Denn in der Praxis zeigt sich: Zeit und Aufwand, die mit einem Reha-Antrag verbunden sind, überfordern viele pflegende Angehörige. "Das Vorgehen erscheint sehr bürokratisch, wenig transparent und oftmals uneinheitlich. Das ist zu aufwändig für viele Betroffene, die ihren Patienten kaum oder nur kurze Zeit allein lassen können", sagt Hertle. Oftmals müssten die Antragsteller an unterschiedlichen Stellen Informationen einholen. Häufig bleibe dennoch unklar, wer im konkreten Fall der richtige Kostenträger ist und nicht selten müssten die Anträge daher mehrfach gestellt werden. Zudem fehle in vielen Antragsformularen der Status "Pflegender Angehöriger".

Studienleiterin Dagmar Hertle hat mit ihrem Team rund 1167 Rehabilitationseinrichtungen per Email sowie 28 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Beratungspraxis sowie Vertreter der Kostenträger und der Betroffenen befragt. Demnach halten 31 der knapp 1200 Rehabilitations- und Vorsorgeeinrichtungen spezifische Angebote für pflegende Angehörige und deren Pflegebedürftige bereits vor. Manche davon haben dafür Pflegebetten im eigenen Haus, andere kooperieren zur Kurzzeitpflege mit Pflegeheimen in der Nähe. Viele andere Reha-Kliniken haben sich zwar darauf nicht spezialisiert, gaben aber an, bei einer konkreten Anfrage entsprechende Möglichkeiten zu schaffen.

"Menschen, die andere Familienmitglieder pflegen, können keine Reha antreten, wenn unklar ist, wo und wie der Pflegebedürftige versorgt wird. Den nahestehenden Menschen in die Reha mitnehmen zu können, ist eine große Chance, auch selbst etwas durchatmen zu können", sagte Hertle. Wie belastet gerade die 40- bis 59-Jährigen mit Pflegeaufgaben sind, hatte jüngst auch eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums bestätigt. 84 Prozent der Frauen und 68 Prozent der Männer der Sandwich-Generation gaben darin an, mit der Pflege von Angehörigen beschäftigt zu sein. Viele von ihnen berichteten, dass sie sowohl zeitlich wie psychisch sehr unter Druck stehen. Ein Aufenthalt in der Reha könnte viele pflegende Angehörige stabilisieren und wäre auch für die gesamte Gesellschaft ein Gewinn: Auf rund 29 Milliarden Euro jährlich beziffert der AOK-Bundesverband die gesamtwirtschaftliche Leistungen von Familienmitgliedern in der häuslichen Pflege.

"Der Reha-Bedarf in dieser Zielgruppe ist unumstritten hoch. Es gibt bisher kaum Untersuchungen zur Reha pflegender Angehöriger. In einer früheren Studie zu Vorsorgeleistungen für pflegende Angehörige hatte sich bereits gezeigt, dass die Pflegenden von der Rehabilitation profitieren und sich auch noch neun Monate danach psychisch stabiler fühlen", sagt Hertle. Um die pflegenden Angehörigen den Weg in die Reha zu erleichtern, empfiehlt Studienleiterin Hertle, die Beratungsleistungen für eine Rehabilitation zu standardisieren und auf kommunaler Ebene zusammenzuführen. Auch sollten alle Akteure, die Kontakt zu Pflegenden haben, stärker sensibilisiert und fortgebildet werden. Eine wichtige Präventionsarbeit könne von Hausärzten, Pflegediensten, Beratungsstellen, Kirchengemeinden, aber auch vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen geleistet werden, da sie frühzeitig erkennen könnten, wann eine Belastungssituation zu entgleisen drohe. Und nicht zuletzt bedarf es auch, so Hertle, neuer Antragsformulare, damit die Zielgruppe sichtbar wird und bedarfsgerechte Reha-Programme entwickelt werden können.

Autorin: Susanne Werner

Quelle: 24.Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium - Deutscher Kongress für Rehabilitationsforschung, März 2015 in Augsburg

Veröffentlichung der Studie: http://bqs-institut.de/aktuelles/391-2014-05-14-medizinische-rehabilitation-fuer-pflegende-angehoerige.html

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