Donnerstag, 08. Dezember 2016


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Mehr als nur Theater

(lifePR) (Hildesheim, ) Es war einmal. Maissara wiederholt Sätze, ein Echo. Ständiges Ausharren, Warten ist anstrengend für Körper und Geist. Theaterstudierende der Universität Hildesheim und Flüchtlinge aus dem Sudan erarbeiten ein Stück über Zeit und Isolation. Aufführungen finden 2015 in Hildesheim, Hannover und Braunschweig statt. Ein Probenbesuch.

Das ist doch entspannend: Ein Liegestuhl, ein Schwimmbad. Drei Leinwände auf der Bühne, davor drei knapp zwei Meter hohe Stühle. Unter ihnen ist nichts. Leere. Stühle, die keineswegs zum Entspannen einladen, sondern ein Workout sind. Um sich auf ihnen zu halten, muss man sich mit Beinen und Armen abstützen. Ausharren zu müssen ist eine Anstrengung für Körper und Geist. Im Bühnenhintergrund sieht man ein Schwimmbad, im Video. Der Bühnenaufbau lässt zu, zwischen Video und Bühne zu springen, mal taucht Maissara M. Saeed im Film auf, dann auf der Bühne. Saeed, der aus dem Sudan geflohen ist, nennt das "breaking isolation". Es ist ein Thema, das ihn sehr beschäftigt. Seit März 2015 proben Theaterstudierende und Flüchtlinge aus Hildesheim und Hannover ein Stück zum Thema Isolation. "Wir befassen uns mit der Isolation der Flüchtlinge vom Rest der deutschen Gesellschaft als auch untereinander", sagt Sebastian Rest während einer Probe in der Universität Hildesheim. Die große Chance des Künstlerischen ist, eine Bühnenfigur zu schaffen, so der Theaterstudent. "Man kann immer eine Distanz zu sich entwickeln, man zeigt eine Figur, die man mit geschaffen hat."

Alle zwei Wochen proben die Studierenden und Flüchtlinge am Wochenende, essen gemeinsam, sie entwickeln das Bühnenbild weiter. Abends nach Betriebsschluss dreht die freie Theatergruppe "Voll:milch" Szenen im Schwimmbad in Hildesheim. Ein Schwimmbad, Ort der Erholung und freien Zeit, so Stephan Mahn. "Für uns ist das Bad ein Ort der Entspannung, das ist ein Luxus, den wir haben, eine Langsamkeit, ein Warten. Für Asylsuchende ist Warten anstrengend, körperlich und psychisch." Katja Trachsel erzählt von einem aufsehenerregenden Ereignis in der Schweiz: Der Besitzer hatte verlangt, dass Gruppen von Flüchtlingen sich anmelden, bevor sie ins Schwimmbad kommen und wenn, dann bitte in kleinen Gruppen. "Das Flüchtlinge von Freizeitangeboten ausgeschlossen werden, ist ein Skandal", sagt die Studentin. "Wir arbeiten mit Experten zusammen, Flüchtlinge aus dem Sudan. Wann ist freie Zeit einfach leer? Wir arbeiten in der Gruppe mit krass viel Humor. Komik ist ein Mittel, um Isolation zu durchbrechen. Wir arbeiten sehr intensiv zusammen."

Um als Gruppe zusammenzukommen und sich dem Thema anzunähern, kommen viele Theaterübungen zum Einsatz. "Man setzt sich vor eine Kamera, hat eineinhalb Minuten Zeit und wählt etwas aus, anhand dessen man ein Porträt von sich macht, man stellt sich anhand seiner Tasche vor", so Katja Trachsel. Ein Flüchtling aus dem Sudan holte sein Portemonnaie hervor, er zog einen Fahrschein vom Nahverkehr Hildesheim nach dem anderen heraus, zeigte: Er ist unterwegs. Die Theaterstudierenden arbeiten mit Übungen, die nicht über Sprache funktionieren, sondern über den Körper. In den Proben verständigen sie sich in deutscher und englischer Sprache, Maissara M. Saeed übersetzt außerdem ins Arabische, er arbeitet mit der Gruppe Voll:milch seit einem Jahr zusammen. Wen sie mit ihrem Stück erreichen möchten? Studierende, interessierte Bürgerinnen und Bürger, Flüchtlinge, Schulklassen.

Zuletzt produzierte das studentische Theaterkollektiv, zu dem auch die Studierenden Birk Schindler und Paula Löffler gehören, am Theaterhaus Hildesheim ein Stück über Gebärdensprache, gemeinsam mit hörenden und nicht hörenden Spielerinnen und Spielern. Auch in diesem Stück arbeiten sie mit dem Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte zusammen, die jungen Erwachsenen in den Werkstätten bauen das Bühnenbild. Außerdem werden Aufführungen im Herbst 2015 mit Übertitelung für nicht-hörendes und hörendes Publikum zugänglich gemacht. "Voll:milch" ist ein 2011 gegründetes Hildesheimer Theaterkollektiv. Es setzt sich aus Absolventen des Studiengangs "Szenische Künste", Studierenden des Masterstudiengangs "Inszenierung der Künste und der Medien" an der Universität Hildesheim und der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig zusammen.

Die Studierenden bedanken sich für die Unterstützung bei: Fonds Soziokultur, Niedersächsische Lotto-Sport-Stiftung, Friedrich Weinhagen Stiftung, Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Johannishof Stiftung, Jowiese sowie beim Theaterhaus Hildesheim, beim Theater LOT Braunschweig und beim Theater im Pavillion Hannover.

Aufführungen 2015 in Hildesheim, Hannover und Braunschweig
Am 3. Juli 2015 hat das neue Stück von "VOLL:MILCH" Premiere: Die Gruppe aus Theaterstudierenden der Universität Hildesheim hat mit Flüchtlingen aus Hildesheim und Hannover in den letzten Monaten ein Stück über Isolation, die deutsche Gesellschaft und den Umgang mit Zeit erarbeitet. Im Stück sprechen sie die deutsche, englische und arabische Sprache.
Zusammen mit vier sudanesischen Flüchtlingen suchen die Studierenden eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Situation von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern und der deutschen Asylpolitik. "Experten des Asylalltags treffen auf die zweite Nachkriegsgeneration und beide fragen sich, ob sie noch zu retten sind", heißt es in der Ankündigung des Stücks "Refugee Homecare: Flüchtige Heimatpflege". Aufführungen finden am 3./ 5./8./10. Juli jeweils um 21:30 Uhr statt. Spielort ist das alte Kino im Pepperworth 9c in Hildesheim. Der Eintritt kostet 5 bzw. 10 Euro. Asylbewerber erhalten freien Eintritt (Free entry for all refugees).
Weitere Aufführungen finden im Herbst/Winter 2015 statt, zum Beispiel am 6. und 7. November im Theater im Pavillon Hannover und am 10. und 11. Dezember am LOT-Theater Braunschweig.
Weitere Informationen unter www.vollmilch.me.

Fotos aus den Proben: www.uni-hildesheim.de/neuigkeiten/mehr-als-nur-theater/

Aus dem Bühnenstück über Isolation (Sprechtext, Auszug):
Once upon a time, in a little village in the district of Jeddah, lived a very big family.
All the family members were females except for the father.
One day, after the father came back from a travel, his wife told him good news.
She said: “I am pregnant.”
It so happened, that the father and mother already had twelve daughters.
The fathers face changed, and he became unhappy, and told the mother in a loud voice: “If the new born baby is a girl again, I will divorce you and make you and your daughters homeless.”
The mother became so afraid.
[Auszug aus dem Sprechtext]

Lesetipp:
Über die Künste einen Zugang zu einer neuen Gemeinschaft finden? Welche Rolle spielen Musik, Theater, Literatur nach der Flucht? Nachgefragt bei Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim. Interview auf Seite 34 im Uni-Magazin
(zum epaper: www.uni-hildesheim.de/unimagazin)

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