Freitag, 09. Dezember 2016


  • Pressemitteilung BoxID 63813

Studienausstellung der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur

Eugène Delacroix Spiegelungen Tasso im Irrenhaus 6. September - 14. Dezember 2008

(lifePR) (Winterthur, ) Kuratiert von Margret Stuffmann, ehemals Leiterin der Graphischen Sammlung im Städel Museum, Frankfurt am Main, mit Mariantonia Reinhard-Felice, Leiterin der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur

Die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», Winterthur, setzt die 2005 begonnene Reihe ihrer Studienausstellungen mit einer kleinen, doch höchst erlesenen Werkschau des französischen Künstlers Eugène Delacroix (1798-1863) fort. Als letzte Sonderausstellung vor der zweiten Umbauphase des Museums (15. Dezember 2008 bis voraussichtlich Mitte 2010) eröffnet sie mit ihrem hohen künstlerischen und wissenschaftlichen Anspruch vielversprechende Perspektiven für die Zukunft unseres Hauses.

Ausgangspunkt der Präsentation ist ein Juwel des umfangreichen Delacroix-Bestandes im Römerholz: Tasso im Irrenhaus aus dem Jahre 1839. In einem spannungsvollen Rendezvous wird das Gemälde zum ersten Mal nach über 140 Jahren mit der ersten Fassung desselben Themas von 1824 aus Privatbesitz und mit Zeichnungen, die zu dessen Vorbereitung gedient haben, gezeigt. Der unmittelbare Vergleich mit weiteren 22 ausgewählten Arbeiten Delacroix' aus international renommierten privaten und öffentlichen Sammlungen erlaubt eine neue Sicht auf diese herausragenden Werke. Darüber hinaus beleuchtet die thematische Komplexität der Ausstellung den Selbstentwurf eines grossartigen Künstlers an der Schwelle zur Moderne.

Protagonist der beiden zentralen Gemälde ist der Renaissancedichter Torquato Tasso, der seit 1565 am Hof Herzogs Alfonso II. d'Este von Ferrara lebte, wo er sein Hauptwerk, Das befreite Jerusalem, 1575 vollendete. Nach mehreren dramatischen Ausbrüchen liess der Herzog den als Menschen und Künstler nie gefestigten Tasso 1579 ins Ospedale di Sant'Anna in Ferrara einweisen. Das von tiefer Melancholie gezeichnete Schicksal und die tragischen Folgen spiegeln sich in seiner literarischen Produktion. Diese bot die Voraussetzung für die Entwicklung eines biographischen Mythos', der sich zusammen mit seinen Werken bald in ganz Europa verbreiten sollte und im späten 18., vor allem aber im frühen 19. Jahrhundert von grossen Dichtern wie Goethe und Byron zum literarischen Thema erhoben wurde.

Bereits vor Delacroix liessen sich einzelne französische Künstler von diesem biographischen Stoff inspirieren, etwa Fleury-François Richard mit Montaignes Besuch bei Tasso im Gefängnis (1821, Lyon, Musée des Beaux Arts), das unsere Ausstellung einleitet (Katalog Nr. 3). Im Gegensatz zu Richards akademischer Interpretation der historischen Figur zielt Delacroix' Interesse deutlich auf den seelischen Zustand des Gefangenen. Der Maler erkannte im unverstandenen und als Wahnsinnigen diffamierten Genie einen Spiegel für das eigene Ringen um eine Selbstbestimmung als Künstler, zu dem ihn die gesellschaftlichen Umbrüche, wie sie Aufklärung, Revolution und Restauration herbeigeführt hatten, zwangen.

Die 24 korrespondierenden Werke Delacroix'- Gemälde, Druckgraphiken und Zeichnungen -, die die Ausstellung um die beiden Tasso-Gemälde gruppiert, spannen den Bogen von den Anfängen bis gegen Ende seines Schaffens und veranschaulichen so den Zusammenhang innerhalb des Œuvres des Künstlers. Diese Erweiterung ist nicht nur durch die zeitliche Distanz und eine entsprechende gedankliche wie formale Entwicklung zwischen den beiden Tasso-Gemälden begründet, sondern entspricht auch deren komplexen Verankerung im Gesamtwerk. Die Exponate gehören zu den Arbeiten des Künstlers im mittleren bis kleineren Format; darunter dienten einzelne als Entwürfe zur Vorbereitung repräsentativer Galeriebilder. Mehr als in den grossen Formaten konnte Delacroix hier seinem persönlichen Anliegen nachgehen: Im Vordergrund stand die Hinterfragung seiner eigenen Existenz anhand der Auseinandersetzung mit grossen Vorbildern aus der Literatur, die ihm wie in einem Spiegel die eigene, vielfach gefährdete Künstleridentität bestätigten. Weitere tragisch gebrochene Charaktere, wie sie schon Tasso so eindringlich verkörpert, fand Delacroix in Goethes Faust, Byrons Sardanapal, Shakespeares Hamlet oder im Melancholiker Michelangelo. Das immer wieder drängende Bedürfnis nach neuen, emotional wie intellektuell ausgesetzten Identifikationsfiguren in der Literatur lässt den melancholischen Selbstzweifel als Leitmotiv in Delacroix' Schaffen evident werden. In der Tat sollte diese Erfahrung bei Delacroix eine emotionalisierte Sicht der Dinge entwickeln, die den Künstler zu einem individuellen Verständnis von Mythologie, Geschichte, Religion und Natur führte. Bei religiösen Werken bevorzugte Delacroix Motive aus der Passion, wobei der Gottessohn bei aller Souveränität ganz zur leidenden und angsterfüllten menschlichen Kreatur wird. Auch entbehrt die Landschaftskulisse jeglicher historischer Konnotation, um ganz die Natur zu werden, die die Gefühle des Künstlers (sowie des Betrachters) reflektiert. Selbst in den reinen Landschaftsbildern schildert diese Natur letztlich wenig Detail; sie wird vielmehr zum Sinnbild einer kosmischen Dimension, in der der Künstler am Ende seines Lebens und Schaffens zur Ruhe kommt.

Die Ausstellung sucht all diesen tiefgründigen Spiegelungen Raum zu geben. Sie legt mit diesen neuen und faszinierenden Verbindungen im Werk Delacroix' überraschende Aspekte seiner gestalterischen Strategie frei: Bei seiner Selbstbefragung griff Delacroix immer wieder auf eigene oder auch wesensverwandte Kunstwerke zurück, variierte, überlagerte oder umschrieb sie über erhebliche Zeiträume hinweg in immer neuen Anläufen. So ist sein Œuvre trotz einer thematischen wie formalen Vielfältigkeit in sich stark durch Konstanten vernetzt, die ein ums andere Mal Zeugnis von einer nie überwundenen existentiellen Gefährdung und Tragik ablegen.

Das Konzept der Ausstellung, die Aufschlüsselung dieses Geflechts von Motiven und persönlichen Schicksalen, sind Frau Margret Stuffmann, der ehemaligen Leiterin der Graphischen Sammlung im Städel Museum, Frankfurt am Main und ihrer grossen Kenntnis der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts zu verdanken.

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildertes Katalogbuch, das die gedankliche Tragweite der malerischen Dialoge Eugène Delacroix' sowie die Korrespondenzen zwischen den ausgestellten Werken und ihren literarischen Quellen oder Pendants belegt. Sie werden durch die beiden Literaturwissenschaftler Norbert Miller und Karlheinz Stierle präzise untersucht und in der Ausstellung exemplarisch dokumentiert. Den beiden Literaturwissenschaftler ist es als Koautoren des Kataloges gelungen, das Verhältnis des «Leser-Malers» Delacroix zur Literatur neu zu beleuchten.

Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 20 Uhr Haldenstrasse 95, CH-8400 Winterthur

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