Freitag, 09. Dezember 2016


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Die Glaubwürdigkeit der Kommunistischen Partei ist in Gefahr

Turbulenzen an Chinas Aktienmärkten

(lifePR) (Berlin, ) Chinas Aktienmärkte befinden sich seit fast zwei Wochen im Ausnahmezustand. Der Parteistaat hat nichts unversucht gelassen, um dem massiven Kursverfall Einhalt zu gebieten. Doch bislang sind sämtliche Eingriffe gescheitert.

Fragen an Dr. Sandra Heep, Leiterin des Programmbereichs "Wirtschaftspolitik und Finanzsystem" am Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin.

Wie bewerten Sie die staatlichen Interventionen auf den Aktienmärkten?

Der Staat hat alle erdenklichen Register gezogen, um den Turbulenzen ein Ende zu bereiten. Das Interventions-Spektrum reicht von technischen Maßnahmen wie der Senkung des Leitzinses und der Reduktion der Transaktionsgebühren bis hin zur Aufhebung von Restriktionen für kreditfinanzierte Aktienkäufe. Selbst die Zentralbank macht mobil. Um die auf Kursstabilisierung abzielenden Aktienkäufe staatlicher Investoren zu unterstützen, versorgt sie diese mit Geldspritzen. Doch auch die drastischsten Interventionen sind bisher ins Leere gelaufen. Der Parteistaat verliert den Kampf gegen die Märkte. Das Vertrauen der Bevölkerung ist zutiefst erschüttert. Die Glaubwürdigkeit der Kommunistischen Partei ist in Gefahr.

Welche Konsequenzen wird der Börsenabsturz haben?

Sollte es nicht in kürzester Zeit zu einer Trendwende auf den Aktienmärkten kommen, drohen massive politische Proteste. Zahllose Kleinanleger fühlen sich von der Partei im Stich gelassen und machen sie dafür verantwortlich, dass sie ihr Börsenabenteuer mit einem Schuldenberg bezahlen müssen. In ihrer Wut könnten diese Kleinanleger zu einer immensen Herausforderung für das politische System werden.

Gelingt es dem Parteistaat nicht, die Märkte zu beruhigen, wird der Vertrauensverlust in seine wirtschaftspolitischen Kompetenzen zudem unweigerlich zu einem weiteren Absinken der Wachstumsraten führen. Privatunternehmen im Technologiesektor, die von der Hausse besonders profitiert haben, wären erneut mit immensen Finanzierungsschwierigkeiten konfrontiert. Auch würden die Verluste der Kleinanleger die Binnennachfrage weiter schwächen. Geplante Liberalisierungsmaßnahmen im Finanzsystem ließen sich in einer solchen Krisensituation nicht verwirklichen. Die dringend notwendige Reform der chinesischen Wirtschaft läuft daher Gefahr, an einem dramatischen Börsenabsturz zu scheitern.

Das würde auch die globale Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen. Denn Chinas Nachfrage nach Importgütern würde durch ein Einbrechen von Investitionen und Konsum deutlich geschwächt. Vor allem die deutsche Wirtschaft, die sich in starke Abhängigkeit vom chinesischen Markt begeben hat, wäre davon empfindlich getroffen.

Was hat die Kurseinbrüche der vergangenen Tage ausgelöst?

Die Kurseinbrüche wurden vor allem durch verschärfte Bestimmungen zum kreditfinanzierten Aktienhandel ausgelöst, dem sogenannten margin trading. Aktienkäufe auf Pump waren eine treibende Kraft hinter den gigantischen Kursanstiegen des vergangenen Jahres. In der Hoffnung auf schnelle Gewinne machten insbesondere zahlreiche Kleinanleger von der Möglichkeit des kreditfinanzierten Aktienhandels Gebrauch. Da diese Geschäfte extrem riskant sind, haben Aufsichtsbehörden und Wertpapierhäuser sie im Laufe der letzten Wochen erschwert. Viele Investoren sahen sich daher dazu gezwungen, Aktien zu verkaufen. Das löste eine Negativspirale aus. Denn sobald die Kurse sinken, müssen auf Pump handelnde Anleger entweder mehr Geld in ihre Aktien-Konten einzahlen oder weitere Aktien verkaufen, um ein Unterschreiten des Mindesteinschusses zu verhindern.

Chinas Wirtschaft hat an Schwung verloren. Trotzdem haben Chinas Aktienmärkte in den vergangenen Monaten einen Rekord nach dem anderen erstellt. Wie lässt sich das erklären?

Chinas Börsen-Boom ist politisch gewollt. Die Entwicklung der chinesischen Aktienmärkte wird traditionell weniger von den Ergebnissen einzelner Unternehmen oder der volkswirtschaftlichen Entwicklung des Landes, sondern vielmehr von politischen Signalen bestimmt. Im vergangenen Jahr hat der Parteistaat keinen Zweifel daran gelassen, dass er einen Aufschwung an den Börsen sehen möchte. Und so sah sich die Bevölkerung pausenlos dazu ermuntert, in den Handel mit Aktien einzusteigen.

Zudem haben die Aktienmärkte auch von den Korrekturen auf Chinas Immobilienmarkt profitiert. Attraktive Renditen lassen sich in China vor allem auf dem Immobilienmarkt und den Aktienmärkten erzielen. Doch leidet Chinas Immobilienmarkt seit Beginn des vergangenen Jahres unter Überkapazitäten, die zu einem Preisverfall geführt haben. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind große Mengen an Kapital in die Aktienmärkte geflossen. Dies hat zu extremen Kurssteigerungen geführt.

Welche Vorteile haben hohe Börsenbewertungen aus Sicht des Parteistaats?

Hohe Börsenkurse können dazu beitragen, die prekäre Situation der Staatsunternehmen zu verbessern, die sich seit Ausbruch der globalen Finanzkrise massiv verschuldet haben. Denn sie erlauben es ihnen nicht nur, ihre Bilanzen zu "verschönern", sondern erleichtern es ihnen auch, durch Kapitalerhöhungen an neue Finanzmittel zu gelangen.

Zudem hat der Börsen-Hype die Finanzierungsmöglichkeiten kleinerer Unternehmen im Technologiesektor verbessert. Diese bekommen häufig keine Kredite, da die staatseigenen Banken Staatsunternehmen als Kunden bevorzugen. Doch sind private Technologiefirmen für die Umgestaltung des chinesischen Wachstumsmodells von großer Bedeutung, da sie dazu beitragen können, dass die Wirtschaft verstärkt auf der Grundlage von Innovationen wächst.

Grundsätzlich kann der staatlich orchestrierte Börsenboom auch als Reaktion auf die immer offenkundiger werdenden Grenzen der Geldpolitik verstanden werden: In den vergangenen Monaten hat die Zentralbank sowohl den Leitzins als auch den Mindestreservesatz mehrfach gesenkt. Doch haben diese Maßnahmen nicht die gewünschte Wirkung erzielt: Die Finanzierungskosten für Unternehmen bleiben hoch, und die Banken vergeben nur zögerlich Kredite. Der Versuch einer Stimulierung der Wirtschaft über den Umweg der Börsenkurse schien daher einen willkommenen Ausweg aus der geldpolitischen Klemme zu bieten.

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