Donnerstag, 08. Dezember 2016


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"Gehirn-Doping" unter Chirurgen?

Deutsche Gesellschaft für Chirurgie fordert kritischen Umgang mit "Wachmacher-Pillen"

(lifePR) (Berlin, ) Etwa zwei Millionen Deutsche haben schon einmal am Arbeitsplatz Psychopharmaka eingenommen. Auch Chirurgen sind bei wachsendem Leistungsdruck versucht, Medikamente zu schlucken, die sie möglichst lange konzentriert arbeiten lassen. Weder die Wirkung dieses Gehirn-Dopings noch die davon ausgehende Gefahr sind bislang ausreichend belegt. Welche Rolle die Wachmacherpillen für Operateure tatsächlich spielen, ist bisher unklar. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) untersucht derzeit die Lebensqualität von Chirurginnen und Chirurgen in Deutschland. Darin befragt sie die Teilnehmer auch, ob diese ihre berufliche Leistung medikamentös steigern. Die DGCH rät trotz eines aktuellen Memorandums, das für einen offeneren und liberaleren Umgang mit Neuroenhancement plädiert, unbedingt zur Vorsicht.

Aufwändige Operationen und lange Klinikdienste verlangen von Chirurgen Arbeitszeiten, die Körper und Geist erheblich belasten. Da liegt die Versuchung nahe, nach Substanzen zu greifen, die ausgleichen und dämpfen, vor allem aber aufmerksam, konzentriert und wach halten: Modafinil oder auch Methylphenidat - bekannter als Ritalin® - entwickelt für die Therapie von krankhaftem Schlaf­drang oder Aufmerksamkeitsdefiziten. "Bei einem chirurgischen Eingriff sind in höchstem Maße klare Urteilsfähigkeit und Entschlusskraft gefragt", sagt Professor Dr. med. Hartwig Bauer, Generalsekretär der DGCH aus Berlin. Diese könnten durch das sogenannte Neuroenhancement beeinträchtigt sein. Auch die nötige Distanz zum Operationsgeschehen könne durch die "smart pills" verloren gehen.

Laut einer DAK-Studie haben knapp fünf Prozent aller Beschäftigten schon einmal Pillen eingenommen, die sie leistungsfähiger machen sollen. Etwa 800.000 Deutsche greifen häufiger dazu. Ohne dieses Doping fühlen sich 23,5 Prozent der befragten Frauen und 11,5 Prozent der Männer den Anforderungen des Alltags nicht gewachsen. Auch Medizinstudenten nehmen immer öfter die "kleinen Helfer", insbesondere vor Prüfungen. In Deutschland fallen Medikamente, die in die Gehirnchemie eingreifen, wegen Suchtgefahr meist unter das Betäubungsmittelgesetz. Mit etwas Geschick lassen sich die Pillen jedoch über Online-Apotheken beziehen. Zudem gehört Ritalin® zu den Medikamenten, die Ärzte besonders häufig ohne passende Diagnose verordnen.

Einige Experten werten die genannten Substanzen als Einstiegsdrogen. Andere schätzen das davon ausgehende Risiko für eine Sucht weniger dramatisch ein. Sie ziehen Parallelen zum Konsum von Koffein. Auch für körperliche Schäden liegen bislang keine Belege vor. Jeder zweite Konsument stuft den Nutzen der Mittel höher ein als ihre Risiken und hält es deswegen für vertretbar, sie einzunehmen. "All dies spricht für unbedingten Forschungsbedarf bezüglich der von Neuro­enhancern ausgehenden Gefahren", sagt Professor Bauer. Abgesehen davon schaffen sie - sofern sie wie gewünscht wirken - ungleiche Verhältnisse, indem sie Konsumenten bevorzugen gegenüber denen, die keinen Zugang zu den Medikamenten haben.

Die DGCH beurteilt den wachsenden Stellenwert des Neuroenhancement äußerst kritisch. Dies gelte auch für ein aktuelles Memorandum von sieben Experten unterschiedlicher Fachrichtungen. Darin finden diese "keine überzeugenden grundsätzlichen Einwände gegen eine pharmazeutische Verbesserung des Gehirns und der Psyche". Ein Risiko sehen die Autoren lediglich in einer möglichen körperlichen Anhängigkeit "Ein liberalisierter Umgang, der mangels qualifizierter Studien schlicht auf Unsicherheit und Unwissenheit basiert, wäre jedoch das falsche Signal", sagt Professor Bauer. Im Rahmen einer Studie zur Lebensqualität von Chirurginnen und Chirurgen befragt die DGCH die Teilnehmer auch zur Einnahme von Neuroenhancern. Eine Pilotstudie mit ersten Ergebnissen stellt die DGCH am 9. Dezember 2009 auf einer Pressekonferenz in Berlin vor.

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