Mittwoch, 07. Dezember 2016


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ABS hätte jeden dritten Motorradunfall verhindert

DEKRA präsentiert Verkehrssicherheitsreport Motorrad

(lifePR) (Stuttgart/Berlin, ) .
- Anzahl getöteter Motorradfahrer stagniert EU-weit auf hohem Niveau
- In Deutschland 656 getötete Motorradfahrer im Jahr 2008
- Optimierung der Straßeninfrastruktur ist überfällig

Die europäische Unfalldatenbank CARE (Community database on road accidents) spricht eine deutliche Sprache: Für das Jahr 2008 weist sie 5.126 tödlich verunglückte Motorradfahrer aus (EU-24). Bezogen auf die insgesamt 37.234 Verkehrstoten in diesen 24 Staaten entspricht das einem Anteil von rund 14 Prozent. Allerdings sind motorisierte Zweiräder laut CARE insgesamt nur mit einen Anteil von zwei Prozent am Straßenverkehr beteiligt (Erhebung für das Jahr 2006). Es besteht also dringender Handlungsbedarf, um die Verkehrssicherheit von Motorradfahrern zu erhöhen.

Anhand von Statistiken und Auswertungen von Daten aus Deutschland und ausgewählten europäischen Ländern zeigt der DEKRA Verkehrssicherheitsreport 2010 auf, in welchen Bereichen das größte Optimierungspotenzial liegt. ABS und Airbag sind in diesem Zusammenhang als Stichworte ebenso zu nennen wie zum Beispiel Schutzkleidung und Helm, Sichtbarkeit, Straßeninfrastruktur sowie straßenbauliche Maßnahmen, Fahrausbildung und Sicherheitstrainings sowie die periodische technische Untersuchung von Motorrädern.

Auch wenn die Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2009 die Motorradindustrie ebenso wenig verschont hat wie alle anderen Fahrzeughersteller: Die Faszination des Motorrads ist ungebrochen. Laut dem "Report 2010" des europäischen Motorradhersteller- Verbandes ACEM (Association des Constructeurs Européens de Motocycles) waren im Jahr 2008 in Europa über 33 Millionen motorisierte Zweiräder im Einsatz. Bis zum Jahr 2020 erwartet die ACEM einen Anstieg auf 35 bis 37 Millionen. Von den insgesamt 33,7 Millionen motorisierten Zweirädern machten Motorräder mit 22,2 Millionen etwa 66 Prozent aus. Gegenüber dem Jahr 2001 mit etwa 16 Millionen Motorrädern bedeutet das einen Anstieg von fast 40 Prozent.

"Dass Motorradfahren einen hohen Spaßfaktor und Freizeitwert hat, ist unbestreitbar. Gleichzeitig sind Motorräder aber auch das mit Abstand gefährlichste Verkehrsmittel und damit die Motorradfahrer die Verkehrsteilnehmer mit dem höchsten Unfallrisiko", erklärte Dipl.-Ing. Clemens Klinke, Mitglied des Vorstands der DEKRA AG, Leiter der Business Unit DEKRA Automotive sowie Vorsitzender der Geschäftsführung DEKRA Automobil GmbH, bei der Präsentation des neuesten Verkehrssicherheitsreports von DEKRA im Rahmen eines Parlamentarischen Abends am 21. April in der Landesvertretung des Freistaates Sachsen in Berlin.

Europaweit sind weitere Anstrengungen notwendig

Auf den ersten Blick spiegeln die Unfallstatistiken von Motorrädern in einigen Ländern der EU eine durchaus positive Entwicklung wider. Hier gehen die Zahlen der tödlich verunglückten Motorradfahrer seit Jahren nach unten - so zum Beispiel in Deutschland, den Niederlanden, Österreich oder im Vereinigten Königreich. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn in nahezu der Hälfte der EUMitgliedsstaaten ist die Zahl der tödlich verunglückten Motorradfahrer seit 2001 gestiegen - unter anderem in Italien, Griechenland, Spanien, Finnland und Schweden. Und auch in den Ländern mit rückläufigen Zahlen getöteter Motorradfahrer bleiben diese weit hinter den positiven Entwicklungen der Anzahl getöteter Pkw- Insassen zurück.

Laut CARE verringerte sich in Deutschland zwischen dem Jahr 2001 und dem Jahr 2008 die Zahl der getöteten Motorradfahrer von 964 auf 656 um rund 32 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der getöteten Benutzer von Pkw um etwas mehr als 41 Prozent von 4.023 auf 2.368. In Frankreich präsentiert sich die Situation wie folgt: Während sich hier die Zahl der getöteten Pkw-Benutzer zwischen 2001 und 2008 von 5.283 um circa 58 Prozent auf 2.205 verringerte, ging die Zahl der getöteten Motorradfahrer im gleichen Zeitraum von 1.092 auf 817 "nur" um rund 25 Prozent nach unten. Der Anteil der Motorradfahrer an allen 4.275 Verkehrstoten in Frankreich lag 2008 bei etwa 19 Prozent, 2001 (8.160 Verkehrstote insgesamt) bei 13,4 Prozent.

Ganz anders sieht es in Italien aus: Hier sank die Zahl der getöteten Pkw-Benutzer zwischen 2001 und 2008 um 45 Prozent von 3.847 auf 2.116, die Zahl der getöteten Motorradfahrer stieg dagegen um 28 Prozent von 848 auf 1.086. Das entspricht bei insgesamt 4.731 Verkehrstoten einem Anteil von 23 Prozent. Deutliche Zunahmen bei den getöteten Motorradfahrern gab es seit dem Jahr 2001 unter anderem auch in Rumänien, Spanien und Griechenland, wenngleich 2008 in den beiden zuletzt genannten Ländern wieder leicht rückläufige Zahlen zu beobachten sind.

Schutzkleidung, Helm, Protektoren und Airbag

Großes Potenzial zur europaweiten Senkung der Zahlen verletzter und getöteter Motorradfahrer bietet die Erhöhung der passiven und aktiven Fahrzeugsicherheit. Das Tragen von reiß- und abriebfester sowie gut sichtbarer Schutzkleidung und Protektoren ist ebenso ein Muss wie ein Schutzhelm, bei dessen Wahl unbedingt darauf zu achten ist, dass er die aktuelle ECE-Norm R 22-05 erfüllt. Integralhelmen ist grundsätzlich der Vorzug vor Halbschalen- oder Jethelmen zu geben, da Erstere insbesondere im Kinn- und Gesichtsbereich klare Schutzvorteile aufweisen. Wichtig ist selbstverständlich auch, dass der Helm gut sitzt und der Kinnriemen geschlossen ist.

Wie die wissenschaftliche Unfallanalyse zeigt, tragen Motorradfahrer immer wieder durch Aufpralle auf den Thoraxbereich schwere Verletzungen davon. Im Rahmen des EU-Projekts "APROSYS" (Advanced PROtection SYStems), an dem unter anderem DEKRA beteiligt war, wurde deshalb eine Studie zur Entwicklung eines geeigneten Schutzes für eben diese Körperregion durchgeführt. Mehrere Simulationen zur Leistungsfähigkeit des sogenannten Thorax-Protektors ergaben, dass er für eine bessere Verteilung der Kräfte beim Anprall sorgt und auf diese Weise die gefährlichen, nach innen gerichteten Rippenfrakturen vermeidet.

Ein weiteres vielversprechendes Schutzelement bei einem Unfall ist der Motorrad- Airbag. In zahlreichen Crashtests, wie sie seit vielen Jahren auch DEKRA durchführt, konnte nachgewiesen werden, dass der Airbag speziell bei Kollisionen mit einem Pkw als häufigstem Unfallgegner seine Wirksamkeit entfaltet. Insbesondere bei Kopfanprallen an der seitlichen Dachkante eines Pkw sind die Verletzungshäufigkeiten an Kopf, Hals und Thorax des Motorradfahrers besonders hoch. Der Airbag trägt dazu bei, den Kopfanprall erheblich abzumildern oder sogar vollständig zu vermeiden. Gleichzeitig kann er die Verletzungsrisiken verringern, die sich beim Anprall des Motorradfahrers am Tank seines Fahrzeugs oder durch Hängenbleiben am Lenker ergeben.

Weniger Unfälle durch ABS und weitere Systeme der aktiven Sicherheit

In Zukunft werden zweifelsohne auch die Systeme der aktiven Sicherheit noch mehr in den Blickpunkt rücken. Denn im Vergleich zu einem Pkw sind bei Motorrädern weniger Möglichkeiten zur Realisierung von Elementen der passiven Sicherheit vorhanden. Der Nutzen der aktiven Sicherheit ist daher für den Motorradfahrer in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Dies gilt insbesondere für das Anti-Blockier-System (ABS), das von den Herstellern immer häufiger angeboten wird.

Tatsache ist: Durch ABS lassen sich viele Unfälle vermeiden oder die Schwere des Aufpralls verringern. Zu diesem Ergebnis kommt unter anderem eine Simulationsstudie der DEKRA Unfallforschung, in der nachgewiesen werden konnte, dass bei einer Ausstattung der Motorräder mit ABS 25 bis 35 Prozent der ausgewerteten schweren Unfälle vermeidbar gewesen wären. Würde man das ABS zusätzlich mit einer Integralbremse und einem aktuell noch in der Entwicklung befindlichen technischen Bremsassistenten kombinieren, könnten sich sogar fast doppelt so viele Unfälle (50 bis 60 Prozent) vermeiden lassen, da solche Systeme in Gefahrensituationen noch weit schneller ansprechen als herkömmliche Bremsanlagen.

Um die Sicherheitsvorteile in Notsituationen voll ausnutzen zu können, muss der jeweilige Fahrer das Bremsen mit ABS freilich auch beherrschen. Umso wichtiger ist daher die regelmäßige Teilnahme an Fahrsicherheitstrainings, deren Methodik im Training der richtigen Bewegungsabläufe wie auch im "Erfahren" der von der Fahrphysik gesetzten Grenzen besteht. Solche Trainings sind vor allem zu Beginn einer Motorradsaison sowie für Wiedereinsteiger oder ältere "Neueinsteiger" sinnvoll und werden unter anderem auch von DEKRA regelmäßig angeboten.

Dass das Thema aktive Sicherheit noch große Potenziale zur Reduzierung der Unfallzahlen aufweist, zeigt sich zunehmend auch darin, dass die Motorradhersteller und wissenschaftlichen Institutionen intensiv an weiteren Systemen arbeiten - Querverkehrsassistent, Ampelphasenassistent, Hinderniswarnung oder Vernetzung der Fahrzeuge zu einem kooperativen Verkehrssystem mit Hilfe der drahtlosen Fahrzeugkommunikation, um nur ein paar wenige Beispiele zu nennen.

Straßeninfrastruktur verbessern

Eine nicht zu unterschätzende Gefahr für Motorradfahrer stellen die Schutzplanken am Straßenrand dar. Diese bieten zwar größtmöglichen Schutz für Fahrer von Pkwund Nutzfahrzeugen, der verbleibende offene Abstand zum Boden birgt jedoch für Motorradfahrer große Risiken. Denn wird ein Motorradfahrer zum Beispiel aus der Kurve getrieben und stürzt, so besteht die Gefahr, dass er unter der Schutzplanke durchrutscht beziehungsweise gegen einen der Stützpfosten prallt. Die Folge sind nicht selten schwerste oder gar tödliche Verletzungen.

Als effiziente Schutzeinrichtung hat sich dabei das in Folge eines Projekts der BASt und der DEKRA Unfallforschung entwickelte System EuskirchenPlus erwiesen. Diese Schutzplanken mit Unterzug zeichnen sich für den anprallenden Motorradfahrer durch eine verbesserte Schutzwirkung sowohl beim aufrecht fahrenden als auch beim auf der Seite rutschenden Motorrad aus. Eine weitere Gefahr für Motorradfahrer sind Bitumenflickstellen auf den Straßen. Bitumen hat nur etwa ein Drittel des Haftreibwertes der normalen Asphaltoberfläche. Durch Nässe oder Temperaturen über 23 Grad Celsius sinken diese Werte noch weiter, da die Flickstellen weich werden. Darunter leidet die Griffigkeit sowohl bei der Geradeausfahrt als auch in Schräglage. Bitumenvergussmasse sollte daher bei Straßenausbesserungsarbeiten nach Möglichkeit vermieden werden. Dies gilt insbesondere für einen großflächigen Einsatz dieses Verfahrens.

Technische Überwachung von Motorrädern

Dass schließlich auch technische Mängel für Motorradunfälle mitverantwortlich sein können, zeigen die Auswertungen der DEKRA Unfallanalyse. Danach wiesen 23,6 Prozent der in den Jahren 2002 bis 2009 nach Unfällen untersuchten Motorräder Mängel auf, hiervon waren wiederum 33,9 Prozent unfallrelevant. Umso wichtiger ist es, Motorräder in regelmäßigem Abstand auf ihre Sicherheit hin zu überprüfen. In zahlreichen EU-Mitgliedsstaaten ist eine solche Fahrzeugüberwachung bereits die Regel. Was die von DEKRA in den Jahren 2007 und 2008 durchgeführten Hauptuntersuchungen anbelangt, führten lichttechnische Einrichtungen mit einem Anteil von über 30 Prozent die Mängelliste an. Bei nahezu jedem fünften Motorrad mit Mängeln wurde die Baugruppe Achsen/Räder/Reifen/Aufhängungen moniert, mit rund 16 beziehungsweise 12 Prozent folgten Fahrgestell/Rahmen beziehungsweise Bremsanlage. Allesamt wesentliche sicherheitstechnische Einrichtungen, deren Funktionstüchtigkeit auf alle Fälle gewährleistet sein muss.

Einheitliche Unfalldatenbank ist überfällig

"Um welche Maßnahme zur Erhöhung der Verkehrssicherheit es sich auch handelt: Eine wichtige Grundlage sind zunächst einmal detaillierte und einheitliche Statistiken zu Motorradunfällen", unterstrich Clemens Klinke in Berlin. Die länderübergreifenden Statistiken wie etwa die EU-Datenbank von CARE oder die Jahresreports der IRTAD (International Road Traffic and Accident Database) wie auch die nationalen Statistiken würden heute zwar sehr viel genaueres Datenmaterial liefern als noch vor einigen Jahren, mitunter fehle aber zum Beispiel eine klare und vor allem europaweit einheitliche Trennung zwischen Motorrädern, Rollern, Mopeds und Mofas.
"Eine harmonisierte europäische Unfalldatenbank wäre auch deshalb von Bedeutung, weil die Politik nur auf der Grundlage detaillierter und exakter Unfalldaten die entsprechenden Rahmenbedingungen für mehr Verkehrssicherheit schaffen kann."

Wie die Verkehrssicherheitsreports der Jahre 2008 (Pkw) und 2009 (schwere Nutzfahrzeuge) ist auch die neueste Publikation der Fachschriftenreihe von DEKRA weit mehr als eine Ansammlung von Fakten über den Ist-Zustand. "In Sachen Verkehrssicherheit von Motorrädern sind Politik, Verkehrsexperten, Hersteller, wissenschaftliche Institutionen und Verbände gleichermaßen gefragt", betonte Clemens Klinke in Berlin. "Für sie soll der vorliegende Report Denkanstöße liefern und Lösungsansätze aufzeigen." Darüber hinaus bekommt jeder Motorradfahrer Empfehlungen an die Hand, wie durch eigenverantwortliches Handeln aktiv dazu beigetragen werden kann, die Zahl von Unfällen, besonders die mit Toten und Verletzten, weiter zu senken.

DEKRA e.V.

DEKRA ist eine der weltweit führenden Expertenorganisationen. Das Unternehmen ist heute in 29 Ländern West- und Osteuropas sowie in den USA, in Brasilien, Nord- und Südafrika, Israel, Japan und China präsent. Mehr als 21.000 Mitarbeiter sorgen nachhaltig für Sicherheit, Qualität und Umweltschutz. Die DEKRA AG ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft des DEKRA e.V. und verantwortet das operative Geschäft des Konzerns. Die DEKRA Geschäftsfelder "Automotive", "Industrial" und "Personnel" stehen für qualifizierte und innovative Dienstleistungen rund um Themen wie Fahrzeugprüfungen, Gutachten, internationale Schadenregulierung, Consulting, Industrie-Prüfdienstleistungen, Produktprüfungen, Zertifizierungen, Umweltschutz, Qualifizierung, Zeitarbeit sowie Out- und Newplacement. In 2009 erzielte DEKRA einen Umsatz in Höhe von rund 1,7 Milliarden Euro.

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